Waldjugendspiele

Aus dem Alltag eines Försters

Von Elmar Woelm

Es war Ende April. Die letzten Tage waren etwas chaotisch verlaufen und schließlich drohten die Spiele sogar zu platzen. Alles war bestens vorbereitet, die Materialien beisammen, die Betreuer für die Stationen bereit, als mich wenige Tage vorher plötzlich ein Kollege anruft und sich wegen äußerst dringlicher dienstlicher Termine entschuldigt. Kein Problem, denke ich, du hast ja noch mehr Kollegen. Doch es ist wie verhext. Alle, die ich erreiche, haben absolut keine Zeit, teilen sich teilweise selbst schon dringende Geschäfte mit anderen. Am letzten Tag vorher finde ich schließlich einen der mitmacht. Ich bin erleichtert - das wäre also gelöst.

Nachdem ich einige eilige Dinge im Büro abgewickelt habe, fahre ich nach draußen und bereitete dort den folgenden Tag vor. Als ich mittags wieder ins Büro komme, ist eine Nachricht auf meinem Anrufbeantworter. Der Mann, der die Station "Jagd" übernehmen sollte, ist erkrankt. - Gut, dann eben für Ersatz sorgen. Aber das erweist sich einen Tag vorher als unmöglich. Ich weiß nicht mehr, wie viele vergebliche Anrufe ich machte, da war nichts zu machen! - Also, was tun? Die Station ausfallen lassen, durch eine andere Station ersetzen? Ich wußte nicht einmal, ob überhaupt jemand in Reserve war. Ich entscheide mich, die Station Jagd beizubehalten, das echte Gewehr gegen ein Spielzeug auszutauschen und die Kinder hier ihre Aufgaben notfalls ohne Betreuung ausführen zu lassen.

Durch die vergeblichen Anrufe und neue Überlegungen habe ich viel Zeit verloren - es gibt noch jede Menge vorzubereiten. Doch ich komme nicht weit damit. Um ein Uhr ruft mein Kollege Georg an: "Du", sagt er, Æich habe gleich einen Termin mit der Firma Hamsen, die wollen vielleicht einen Nußbaum kaufen. Ich hab' eben erst gehört, daß du auch noch einen hast, den du dringend loswerden willst. Komm doch eben dazu, wir treffen uns um zwei Uhr." Verdammt, denke ich und überlege kurz, ob ich die Gelegenheit nicht sausen lassen soll, entscheide mich aber doch hinzufahren. Ich schlinge das Mittagessen hinunter und fahre los. Ein Blick auf die Anzeige sagt mir, du mußt unbedingt noch tanken. Also zur Tankstelle. Unterwegs bleibt der Wagen liegen - Sprit leer. Ich nehme den Reservekanister und beginne einzufüllen. Das geht schrecklich langsam, weil der neuartige Verschluß des Tanks nicht mit der Größe des Füllstutzens übereinstimmt. Als ich fertig bin eile ich zur Tankstelle, sonst wird es nachher wieder eng. Zwanzig Minuten später komme ich am Treffpunkt an. Georg wartet bereits, von dem Holzkäufer ist noch nichts zu sehen. Das ist nun weiter nicht bedenklich, schließlich ist es gerade erst kurz nach zwei. "Mensch", sagt Georg plötzlich, "das ist doch die zweite Abfahrt nach dem Lotter Kreuz. Ich glaube ich hab dem gesagt es wäre die erste!?"Ich frag ihn ob Herr Hamsen ein Autotelefon hat. Er weis es nicht. Also am Forstamt angerufen. Dort liegt keine Mobilfunknummer vor. Ich laß mir die Nummer vom Büro geben, - die werden Bescheid wissen und wir können unseren Geschäftspartner vielleicht über den möglicherweise falschen Treffpunkt informieren. Im Büro meldet sich Herr Hamsen. "Oh -, was -, wie -?", stottert er, er hat den Termin vergessen und heute auch keine Zeit mehr. Wir machen einen neuen Termin aus: morgen früh - da hab ich meine Waldjugendspiele. Doch Georg will statt dessen meinen Nußbaum mit vorzeigen. Ich bin ihm dankbar und wir fahren weiter, damit ich ihm zeige, wo der Baum liegt. Um halb vier bin ich endlich wieder zu Hause und setzte meine Vorbereitungen fort. Um Fünf muß ich wieder los, erst ein kurzes Treffen mit dem Vorsitzenden der Forstbetriebsgemeinschaft, dann weiter ins Köllbachtal zur Einweisung der Helfer für den morgigen Tag. Um Acht Uhr bin ich wieder im Büro. Als ich den Wagen mit den vielen Utensilien für die Waldjugendspiele fertig gepackt habe, ist es zehn Uhr und es regnet in Strömen. - Wenn das nur gut geht!

Am anderen Morgen ist der Himmel bedeckt, aber es ist trocken. Ich fahre los und unterwegs komme ich in die ersten Regenschauer. Die Wetterprognosen sind nicht rosig, doch noch bin ich optimistisch. Als ich im Köllbachtal ankomme hat der Regen nachgelassen. Herr Schröer, von der Josef-Schule in Mettingen wartet schon. Wir sehen uns an und unsere Gesichter zeigen, wie wenig uns das Wetter begeistert. Wir beginnen einige der Stationen aufzubauen und der Regen wird wieder heftiger. Als Letztes gilt es noch den neuen Sägebock aus verzinktem Metall zusammenzuschrauben. Das dauert länger, als ich gedacht habe und ich fahre zwischendurch kurz zum nahen Treffpunkt, wo sich die meisten Helfer inzwischen eingefunden haben. Ich begegne langen Gesichtern. Zwar mit gewissem Humor, doch eigentlich schon resigniert, daß es doch wohl keinen Zweck hat. Es scheint so ziemlich einhellige Meinung zu sein, die Spiele abzusagen. Wir entschließen uns noch etwas zu warten und ich fahre zurück zu Herrn Schröer, der weiter an dem Sägebock schraubt. Ich fasse mit an und reiße mir an den Kanten einen Finger auf. Ich merke es erst, als ich mit dem Blut die ganze Bauanleitung verschmiert habe. Die Schulleiterin kommt und wir überlegen erneut, ob wir die Waldspiele durchführen oder abbrechen sollen. Die Aussicht, alles wieder abzubauen und an einem anderen Tage wieder aufzubauen begeistert uns genauso wenig wie der Regen. Die Eltern haben Mengen von Kuchen gebacken und Kaffee gekocht, der auf uns und die Kinder wartet. Und die Kinder warten in der Schule darauf daß es losgeht, sie wären fürchterlich enttäuscht, wenn abgeblasen würde. Ich bin schlechtes Wetter gewohnt, mir macht der Regen heute nichts aus, zumal es nicht kalt ist. - Bei den Eltern und bei den Lehrern siegt der Humor. Es wird beschlossen, daß die Spiele laufen sollen. Bis die ersten Schüler hier eintreffen wird es noch etwa eine halbe Stunde dauern. Wir schrauben weiter.

Laut schreiend kommen die ersten Schüler an. Das Wasser läuft von ihrer Kleidung und bei manchen sehe ich, daß sie schon jetzt fast bis auf die Haut naß sind, da sie nicht dem Wetter entsprechend ausgerüstet sind. Doch es gibt keine mürrischen Gesichter. Für sie ist es trotz allem ein großartiges Abenteuer, vielleicht auch gerade wegen des Regens. Und sie freuen sich, hier draußen zu sein, im Wald und den Launen der Natur strotzend, als ständen sie in stillem Einvernehmen mit dem munteren Terrier meines Kollegen Peter, der wie wild im Erdreich wühlt, und dem das Wetter offensichtlich eh ganz gleichgültig ist, wenn er nur hier sein, in der Natur und wühlen ...

Schnell werden die ersten Kinder auf den Weg geschickt, die anderen bauen in der Zwischenzeit einen kleinen Unterstand aus einer Plane, die sie flink an ein paar Bäume binden und wo nötig mit einem Stock aus dem Wald unterstützen. Andere drängen sich unter die kleine Plane, die von dem Anhänger übersteht, in dem Kaffee und Kuchen deponiert sind. Aber noch gibt es nichts zu naschen, erst die Arbeit, dann das Spiel, heißt es auch hier. Zug um Zug kehren nun neue Klassen ein - über hundert Kinder insgesamt.

An der ersten Station gilt es Gerätschaften des Försters und des Waldarbeiters zu erkennen. Motorsäge und Schutzhelm sind schnell benannt, auch das Maßband bereitet wenig Schwierigkeiten. Doch dann kommen zwei Dinge, die nicht ganz so einfach sind. "Das sieht aus, wie eine große Schieblehre", sagt einer, "... das ist zum Messen von Bäumen -", fügt ein anderer hinzu und spaßhaft führt Peter die Funktion an seinem Kopf vor. An der nächsten Station ist die Nase gefordert. Fünf Behälter stehen dort, in denen sich Pflanzen und in einem etwas Waldboden befindet. - Könnt ihr an dem Geruch erkennen, was in den Behältern ist? Das eine riecht wie die Seife von Mutter, das andere wie der Wackelpudding und wieder etwas anders nach Kaugummi. - Eine schwere Aufgabe, doch mit etwas Hilfe finden die meisten Gruppen die Lösungen. - Wenn ich an einer solchen Station dabeistehe, greife ich oft selbst begeistert ein, stecke die Kinder durch meine Faszination an. Ich kann mich einfach nicht zurückhalten, am liebsten würde ich selbst alle Stationen auf einmal betreuen ... So geht es von Station zu Station. Meist rennend und mit lautem begeisterten Geschrei. Erkennen von Waldtieren, Holzklotzstoßen, Tierstimmen, Zählen von Jahresringen an Baumscheiben, mit den Händen fühlen, was sich in den kleinen Säckchen befindet - es gibt so viele Möglichkeiten, daß es mir immer schwerfällt, eine Auswahl zu treffen. Doch immer sollen alle Elemente vorhanden sein: Wissen, Geschicklichkeit und Kraft, Fühlen und Empfinden. Meine Lieblingsstation ist die "Jägerprüfung". Hier haben die Kinder Gelegenheit, einmal zwei Minuten lang den Wald in Stille zu erleben, ganz auf ihr Gehör gerichtet und auf ihre Empfindungen. Und die meisten Kinder lieben diese Übung genauso, wie ich. Als ich das feststellte, war ich zunächst sehr überrascht. Es ist für sie ein völlig neues Erlebnis, einmal nicht lauthals schreiend, sondern in sich gekehrt und still die Natur in sich aufzunehmen. Es ist erstaunlich, was sie da auf einmal alles Hören. Den Wind in den Bäumen, Regentropfen, die von den Blättern fallen, den Gesang der Vögel, ja sogar den eigenen Atem und das Klopfen des Herzens dringt manchen ins Bewußtsein. Und plötzlich entdecken sie auch, wie laut und fremd die Geräusche oft sind, mit der die Menschen hierzulande laufend die Natur bombardieren, sei es das muntere, kraftstrotzende Geschrei anderer Kinder, ein Flugzeug, ein Traktor, oder vielleicht die nächste Autobahn, deren fernes eintöniges Dröhnen unablässig im Hintergrund brummt ...

Die Fröhlichkeit der Kinder geht schnell auf die Betreuer an den Stationen über, obwohl es immer noch reichlich regnet. Alles läuft allerdings etwas schneller als sonst - zu allzu langen Erläuterungen hat heute niemand so richtig Lust, aber den Kindern ist das gerade recht.. Sie drängt es vorwärts, sie wollen etwas erleben und platzen vor Ungeduld. Mein Parka ist inzwischen auch durchweicht und ich gehe kurz zum Auto und sorge für Ersatz. In der Nähe lockt der Wagen mit Kuchen und der Duft von warmem Kaffee. Die ersten Gruppen haben ihre Runde beendet und mampfen mit vollen Mündern und glänzenden Augen ihre Belohnung in sich hinein. Während auch ich mir ein Stück Kuchen nehme und mir den heißen Kaffee schmecken lasse, fange ich Fetzen von ihren Gesprächen und Rufen auf, in denen sie sich die vergangenen Erlebnisse in Erinnerung bringen. Einige stehen still da, Haare, Kleidung und Füße durchnäßt. Aber selbst den Stillen und in sich Gekehrten ist ihre Zufriedenheit anzusehen, selbst wenn sie sich jetzt freuen, bald nach Hause und ins Trockene zu kommen. Manchmal glaube ich auch so etwas wie Stolz zu erkennen - Stolz, eine Zeitlang Teil der Natur gewesen zu sein, trotz des ungastlichen Wetters.

Der Regen läßt immer mehr nach und als die letzten Gruppen durch sind, hat er völlig aufgehört. Fast könnte man denken, ein Hohn der Natur, um uns zu ärgern. Doch ich habe eine ganz andere Erfahrung gemacht. Wie oft wehren wir uns gegen das, was uns begegnet, obwohl wir es eh nicht ändern können und verlieren dabei den Kontakt mit dem was gerade geschieht, sind nicht mehr in der Lage, das zu genießen, was der Augenblick uns bietet. Ich denke, ich werde mir demnächst ein besseres Beispiel an dem nehmen, was ich heute bei den Kindern - und dem kleinen Terrier erfahren konnte.


 
 
 
 
 

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