Geschichten
Worte sagen mehr . . .
Der Wecker klingelte jetzt schon eine geraume
Weile und schließlich schaffte sie es sich herumzuwuchten und nach dem Abschaltknopf zu tasten. Ihr Kopf machte
Anstalten gen Decke zu entschwinden. Was hatte sie gestern Abend nur
angestellt? Ach ja richtig! Gepflegtes Besäufnis mit ihren Freunden zur
Feier ihres dritten Jahrestages.
„Herzlichen Glückwunsch!“ murmelte sie und
hauchte einen Kuß auf sein Bild neben ihrem Bett.
Dann setzte sie sich versuchsweise auf, um zu
sehen, ob das Zimmer vielleicht aufhören würde sich zu drehen, wenn
sie es nur lange genug böse anstarrte. Mit einem verhaltenen Stöhnen
strich sie sich die Haare aus der Stirn und warf dann noch einen Blick
auf die Uhr, um zu sehen, ob sie diesmal die Zahlen würde erkennen können.
Halb zwölf! Oh Jesus, der Postbote war sicher schon lange da gewesen!
Ohne auf ihre Puddingknie zu achten, riß sie ihren Bademantel vom
Kleiderhaken, fischte im Vorbeilaufen, den immer griffbereit liegenden
Briefkastenschlüssel von der Kommode und huschte den Hausflur hinunter.
Sollte die blöde Schnepfe von Nebenan doch denken, was sie wollte! Kaum
hatte sie den kleinen Schlüssel herumgedreht, fiel ihr auch schon eine
wahre Flut von Post entgegen, doch sie sah die Werbung, die Rechnungen
und Urlaubspostkarten gar nicht, sondern hatte nur Augen für einen
reichlich mitgenommenen DinA5 Umschlag, der mit einer recht alten
Schreibmaschine mit abgebrochenem E beschriftet war. Vorsichtig und genußvoll
öffnete sie das kleine Päckchen und zog zuallererst seinen Brief
heraus. Sie wollte gar nicht wissen, was er ihr schenken würde, bevor
sie nicht erfahren hatte, wann er nach Hause kam!
‘ Hallo mein kleiner Sonnenschein!
Na wie geht es bei euch? Lebt mein Kanarienvogel
noch? Wenn nicht kauf bloß keinen neuen, das merke ich sofort! Wie ich
dir schon am Telefon erzählt habe, hält sie Regenzeit hier weiter an
und ich vermisse dich jeden Tag mehr! Unsere Arbeit hier kommt ganz gut
voran, auch wenn einige Eingeborenen wirklich zu absonderliche
Vorstellungen haben! Erst gestern kam ein unserer Jungen, und erzählte
uns mit einer Unschuldsmiene, das eines unserer besten Mikroskope in
einen Teich gefallen sei. Er meinte er hätte entweder seine Ziege, oder
unsere Ausrüstung retten können, und erwartete noch, das wir stolz auf
ihn sein sollten, wie er die Ziege gerettet hat, weil sie mehr Fleisch
einbringt. Du siehst also wir haben es nicht leicht. . .
Aber da fällt mir ein, ich habe dir ja noch gar
nicht zu unserem Jahrestag gratuliert! Aber ich habe dir ein kleines
Geschenk besorgt und hoffe, das es dir gefällt. Wenn meine Berechnungen
richtig sind, dann müßte dieser Brief dich etwa zur richtigen Zeit
erreichen - du weißt ja, diese Mulis sind einfach unberechenbar!
Gestern ist ein ganzer Schwarm von bunten
Papageien über unser Camp weggeflogen, und dabei mußte ich plötzlich
an dich denken. An diesem Abend wollte ich dir ganz viel schreiben, habe
mich dann aber doch nicht getraut. Es wäre nur Pornographisches dabei
herausgekommen und, wie du schon bemerkt hast, möchte ich auch nicht
wissen, wer unsere Briefe liest, bevor wir sie endlich bekommen!
Wie war eigentlich deine Jahrestagsparty?
Gepflegtes Besäufnis, nehme ich an? Es tut mir so leid, das ich nicht
bei euch sein konnte, aber spätestens in zwei Monaten komme ich nach
Hause - versprochen diesmal und niemals gebrochen!
Ich denke an dich jeden Tag
und ich liebe dich! Immer!’
Mit einem seligen Seufzten ließ sie sich gegen
die kalte, graugelbe Wand sinken und schloß die Augen. In zwei Monaten!
Er dachte an sie und er liebte sie!
„Ich liebe dich auch, du dummer Träumer, du!
Sogar immer, wenn du unbedingt willst!“ sagte sie laut, bevor sie
ihren Morgenmantel zusammenraffte und die Treppe hinaufstieg. Sie
brauchte jetzt erst einmal einen Kaffee!
Everything changes?
Das Telefon riß sie aus einer beschaulichen
Sonntagnachmittagsruhe und verlange energisch und bestimmt das sie
aufstand und den Hörer abnahm. Eine Aufforderung, der sie nur mit großem
Bedauern nachkam.
„Ja hallo?“
„Hi Liebes, ich bin’s!“
„Oh Hi! Na wie geht’s dir?“
„Ganz toll, stell dir vor er kommt mich heute
Nachmittag besuchen!“
„Er?“
„Na du weißt schon!“
„Ach er! Sag mal, seid ihr inzwischen nicht
schon über zwei Monate auseinander?“
„Na und? Trotzdem kommt er mich besuchen! Ich
kann es gar nicht abwarten! Was meinst du, was soll ich anziehen?“
„Ist das nicht egal? Wenn ich dir glauben
darf, hattest du doch genug von seiner Kleinlichkeit. Dann mußt du ihm
doch nicht gefallen, oder?“
„Ach du! Natürlich muß ich so gut aussehen,
wie ich nur kann! Schon allein, damit er erkennt, was er alles
aufgegeben hat!“
„Ähm du hast aber ihn doch verlassen,
oder?“
„Na und? Hätte er sich mehr um mich bemüht,
dann wäre es gar nicht erst dazu gekommen!“
„Und was versprichst du dir davon, das er
heute zu dir kommt? Willst du wieder mit ihm zusammen kommen, oder was .
. .?“
„Ach was, Quatsch! Ich bin doch im Moment viel zu glücklich mit
meinem Singledasein! Aber ein bißchen ärgern, will ich ihn schon!“
„Und warum glaubst du, daß er sich ärgert,
bloß weil du dich aufdonnerst?“
„Na weil er mich immer noch liebt, ist doch
klar.“
„Klar. Wie konnte ich das nur vergessen? Und
was wollt ihr tun?“
„Also, ich dachte an ein kleines Candle-Light
Dinner und ein bißchen gedämpfte Musik . . .und dann . . . mal
sehen.“
„Aber du bist sicher, das du nichts mehr von
ihm willst?“
„Wer behauptet denn das? Natürlich will ich
noch was von ihm!“
„Ja aber hast du nicht eben . . .“
„Ich will keine Beziehung mehr mit ihm . . .
zumindest nicht gleich. Aber ein bißchen Sex ist doch völlig in
Ordnung, oder nicht?“
„Na wenn du meinst. Also wenn’s darum geht,
dann würde ich den roten Lackmini vorschlagen.“
„Ach du bist schon lustig! Dann wüßte er
doch sofort was Sache ist!“
„Ach so, das soll er nicht wissen?“
„Natürlich nicht sofort! Er würde ja denken,
daß ich auf ihn angewiesen bin und das bin ich schließlich nicht!“
„Ach so. Na dann. Das kleine Schwarze?“
„Genau was ich mir gedacht habe! Du bist
wirklich genial!“
„Danke, gern geschehen.“
„Also ich muß mich jetzt beeilen! Ich muß ja
noch unter die Dusche und mich anziehen und schminken! Du weißt ja, wie
das ist! Ciao Bella!“
Damit wurde der Hörer wieder auf die Gabel
geworfen und sie kehrte mit einem tiefen Seufzten zu ihrer gemütlichen
Couch zurück.
„Weiber! Einfach nicht zu verstehen!“ dachte
sie noch, bevor sie sich wieder ihrem Roman widmete.
Schneeweißchen und Rosenrot
„Guten Morgen! Hast du gut geschlafen?“
Eine weiche Hand schob sich unter ihren Nacken
und sie lächelte verträumt.
„Mm wie könnte ich neben einer solchen Göttin
wohl schlecht schlafen? Das wäre doch Blasphemie, denkst du nicht
auch?“
Ihre Freundin reckte sich genüßlich und lachte
befreit auf.
„Oh welch Kompliment am frühen Morgen! Darf
ich es Euch wiedersagen, edle Nymphe?“
„Hm mir würde es im Moment schon helfen, wenn
du mir sagen könntest, wo ich meinen BH hingeschmissen habe.“
„Vielleicht in der Glut der Ekstase aus dem
Fenster? Komm, ich leihe dir einen von meinen.“
„Haha da passe ich zweimal rein! Außerdem
trage ich keine rote Unterwäsche!“
Ihr Gegenüber beugte sich lachend zurück und
zog ein schlichtes weißes Wäschestück unter dem Bett hervor.
„Ach sieh mal, das Weiß der Unschuld! Du
kleine Pietistin! Da fang!“
Mit einem erschreckten Quietschen reckte sie
sich nach der vorüberfliegenden Unterwäsche und konnte gerade noch
verhindern, das sie aus dem Bett kugelte.
„Du solltest dich etwas mit dem Anziehen
beeilen. Die erste Vorlesung ist um elf und wir müssen vorher noch was
fürs Mittagessen einkaufen.“
Mit zerzauster Mähne und erstauntem Blick
tauchte sie wieder aus den Decken auf, unter denen sie ihre Kleider
vermutete.
„Ich dachte wir sind heute bei deinen Eltern
zum Essen eingeladen?“
Das Gesicht ihrer Freundin war ein zerknirschtes
Bild der Scham.
„Ach weißt du, ich habe gesagt wir kommen
doch nicht.“
Sie stemmte energisch die Hände in die Hüften
und ihr Blick wurde streng.
„Und warum nicht?“
Hilfloses Schulterzucken.
„Du weißt wie es ist! Ich wollte uns das
ersparen! Immer diese Vorträge, ‘Wie wollt ihr jemals Kinder
haben?’, ‘Habt ihr schon über eine Altersvorsorge nachgedacht?’,
‘Wie wollt ihr eure Geldangelegenheiten regeln? Wenn nun einer von
euch was zustößt!“
Ihre Arme fielen herab und sie resignierte.
„Aber du kannst deinen Eltern nicht ewig aus
dem Weg gehen, deswegen.“
Ein entschuldigendes Lächeln.
„Es ist ja nicht für immer. Nur für
heute.“
Sie schüttelte stumm den Kopf. Dann straffte
sie die Schultern und versuchte ihrer Stimme einen überzeugenden Klang
zu geben.
„Außerdem haben sie recht! Ich finde es ist höchste
Zeit, das wir über diese Dinge nachdenken. Wir sollten mal bei einem
Anwalt einen Termin machen . . . und am besten noch bei deiner Bank.“
Ihre Freundin wich ihrem Blick aus.
„Muß das wirklich sein? Du weißt doch, diese
ganzen Leute . . .?“
„Schämst du dich für mich?“
„Nein, das weißt du doch, aber . . .“
„Na also. Ich mache heute die Termine. Nun
komm schon sein kein Frosch, man wird uns schon nicht gleich fressen!“
Zaghaftes Lächeln.
„Und was ist nun mit den Enkeln, die meine
Mutter sich wünscht?“
„Hey es gibt doch auch Patrick Lindner. Und
wenn es gar nicht anders geht, dann heirate ich dich eben!“
Sie duckte sich schnell, als ein Kissengeschoß
über ihrem Kopf gegen die Wand flog.
Just married
Das Hämmern und Bohren hielt nun schon den
ganzen Tag an und langsam begann sie sich zu fragen, ob es wirklich eine
gute Idee gewesen war vor dem Priester mit Ja zu antworten.
„Liebling gibst du mir mal den achtzehnter
Schraubenschlüssel?“
Ergeben erhob sie sich von dem improvisierten
Stuhl in ihrer improvisierten Küche und brachte ihrem wohl auch etwas
improvisierten Heimwerkerkönig das verlangte Werkzeug, oder doch das
was sie dafür hielt.
„Nein das ist der Sechzehner! Der Achtzehner
muß irgendwo im Waschbecken liegen, oder vielleicht auch bei dem großen
Blumentopf.“
Sie fand den gesuchten Gegenstand schließlich
im großen Blumentopf unter einer Schicht Substral-Blumenerde. So hatte
sie sich ihren Honigmond nun wirklich nicht vorgestellt! Schließlich
ging von diesem Wort eine ungeheure Romantik aus. Der erste Monat einer
Ehe . . . voller Liebe, Leidenschaft und glühenden Liebesschwüren! Ja
denkste! Statt dessen gab es Baustellenidylle in den eigenen vier Wänden,
ohne Kontakt zur Außenwelt und das einzige was überhaupt glühte war
der Aufsatz des Akkubohrers.
Als sie mit ihrem Verlobten beschlossen hatte
die Flitterwochen Zuhause zu verbringen, um ihre neue Wohnung
einzurichten, da hatte das alles noch ganz anders ausgesehen. Sie
erinnerte sich noch gut wie aufgeregt sie gewesen war, wenn sie sich
Stoffmuster ansah, oder Möbel aussuchte. Nun immerhin hatte sie keinen
Mann geheiratet, der jeden Pfennig dreimal umdrehte. Das Beste sollte
gerade gut genug sein - nun ja zumindest so gut, wie eine bürgerliche
Mittelkllasse-Eigentumswohnung nun einmal sein konnte. Aber die hatte
schon damit gerechnet, das er zumindest in den ersten Tagen nur Augen für
sie haben würde. Sie wollte bewundert werden, wollte spüren, das sie
nicht ganz umsonst geheiratet hatte und das sich im Vergleich zu ihrem
bisherigen Leben etwas grundlegendes geändert hatte. Aber OBI und IKEA
machten ihr einen Strich durch die Rechnung. Ihr lieber Ehegatte war
viel zu arbeitseifrig und zu ungeduldig, um sich mit so etwas nebensächlichem,
wie Liebe abzugeben, wenn im Nebenzimmer seine Heimwerkerausrüstung
darauf wartete aus der Plastikfolie ausgewickelt zu werden.
„Geh doch ein wenig zu den Nachbarn! Mach dich
ein wenig mit ihnen bekannt!“ hatte er ihr vorgeschlagen, als sie sich
über seine ständige Arbeit und Lärmbelästigung beschwert hatte.
Ausgerechnet! Dabei hatte sie darauf gehofft den Nachbarn in den ersten
Wochen ihrer Ehe überhaupt nicht zu begegnen, weil seine feurige
Leidenschaft sie gar nicht dazu kommen lassen würde, die Wohnung zu
verlassen. Und wenn sie überhaupt etwas mit den Nachbarinnen zu tun
haben wollte, dann sollten es gefälligst neidische Blicke sein, wenn
sie nach einer Nacht voller lautstarkem, ungezügeltem Sex mit
bescheuertem Grinsen an ihnen vorbeihumpelte, um neue Kondome
einzukaufen, oder so etwas.
„Aber erstens kommt es anders und zweitens als
man denkt!“ dachte sie ergeben und plante im Stillen eine riesige
Schokoladenorgie.
„Liebling komm schnell, ich muß dir unbedingt
etwas zeigen!“ rief sie ihr Göttergatte und stürzte auch schon persönlich
ins Zimmer.
„Was’n los?“ murmelte sie gelangweilt, ließ
sich aber doch mitziehen.
„Hier sie nur!“ rief er begeistert und
zeigte auf die fertig gestrichenen weißen Wände des Schlafzimmers, die
jetzt von unzähligen winzigen Deckenlämpchen angestrahlt wurden.
„Und?“
„Ich habe mir gerade gedacht, daß ich ein
riesiges Porträt von dir malen lasse und das hängen wir dann genau über
das Bett! Wenn dann nämlich hier der große Spiegelschrank steht, dann
kann ich dich immer ansehen!“
Gerührt und überrascht bot sie ihre zitternden
Lippen seinem fordernden Mund dar. Es war doch kein Fehler gewesen Ja zu
sagen!
Und hier der Anfang einer Fantasy-Geschichte
Die Prüfung
Ächzend und fluchend schob sich eine Gestalt
immer weiter durch das unwegsame Gestrüpp der Norga Wälder. Norga das
hieß in der Sprache des dunklen Volkes soviel wie finster, feindlich.
Mockra zweifelte nicht daran, daß dieser Name zutreffend war.
„Ach verschwinde!“ herrschte sie eine wilde
Hirschkuh an, die gemächlich ihren Weg kreuzte.
Unter anderen Bedingungen hätte es sie gefreut
hier einem Wesen des Lichtvolkes zu begegnen, denn es bedeutete, das
sich zumindest vorerst keine Dämonen in ihrer Nähe befanden.
Andererseits knurrte ihr Magen und doch durfte sie während der fünf
Tage ihrer Prüfung kein Fleisch reißen. Die Hirschkuh hielt ihr nur
vor Augen, was sie sich entgehen ließ, und ihre Laune besserte sich
dadurch nicht gerade. Mißmutig richtete sie ihren Blick wieder auf die
beinahe lebendig anmutenden Dornenranken. Anscheinend war dieses
dornenbewehrte Gestrüpp das einzige, was in der Dunkelheit des
Schattenreiches gedeihen konnte.
„Sogar die Pflanzen in dieser Gegend sind böse und hinterlistig!“,
dachte Mockra verdrießlich und zog sich einen giftigen Stachel aus der
schuppigen Haut, „Aber nicht mir mir!“
Auf einer kleinen Lichtung inmitten des
finsteren Gebüschs blieb sie stehen und sah sich unschlüssig um. Sie
mußte fünf Tage in dieser Wildnis verbringen, doch wohin sollte sie
sich wenden? Zwar sollte sie ihre Fähigkeiten unter beweis stellen,
doch sie hatte auch keine Lust nur aus verfehltem Heldenmut, oder
schlichter Leichtsinnigkeit die Konfrontation mit den Wesen des dunklen
Volkes zu suchen, die in dieser Region das Grenzgebiet unsicher machten.
Diese Kreaturen waren sogar im Reich der Dämonen Ausgestoßene und
selbst ihre Artgenossen konnten von ihnen keine Gnade erwarten. Dies
galt daher erst recht, wenn man dem Lichtvolk angehörte, das die
dunklen Wesen von jeher beneideten und haßten. Ein herausgeforderter
Kampf mit ihnen kam einem Selbstmord gleich. Es gab einige Heißsporne
in ihrem Stamm, die nur auf diese Gelegenheit gewartet hatten, doch sie
alle waren von ihrer Prüfung nicht zurückgekehrt . . . und Mockra wußte,
daß ihre Familie, die in sicher Entfernung von der Grenze auf sie
wartete nicht nur auf ein Freudenfest zu ihrer Rückkehr vorbereitet
war, sondern auch auf eine Trauerfeier, sollte sie nicht überleben.
Drei Tage würden sie über ihre fünftägige Prüfung hinaus warten,
dann würden die Weisen den Sterberitus vollziehen und ihre Familie würde
sich abwenden, denn ihr Volk verachtete Schwäche.
Doch Mockra war fest entschlossen keine Schande
über ihre Familie zu bringen. Schließlich wandte sie sich nach Süden,
die Richtung aus der die Hirschkuh gekommen war. Jeder Ort im
Schattenreich barg Gefahren, warum sollte sie also diesen kleinen
Fingerzeig außer acht lassen? Letztlich würde sie sich dem dunklen
Volk doch stellen müssen und sie hoffte nur, daß es nicht allzu viele
sein würden. Mit zehn, zwanzig Dämonen konnte sie leicht fertig
werden, doch sie hatte gehört, daß es auch Gruppen gab, die mehrere
Hundertschaften zählten . . .
Doch zunächst einmal mußte sie Nahrung suchen.
Nachdenklich betrachtete sie die faustgroßen, schwarzen Beeren, die
beinahe unerreichbar zwischen den langen Dornen reiften. Dann entschied
sie sich jedoch dagegen. Man konnte schließlich nicht wissen, welche Tücken
diese einladenden Früchte verbargen. Statt sich also an weichem
Fruchtfleisch gütlich zu tun, grub sie nach einigen Wurzeln und brach
einige Brocken weichen Sandstein aus einem nahegelegenen Felsen.
„Wurzeln und Steine!“, grummelte sie leise
vor sich hin, als sie sich nach einem geeigneten Lagerplatz umsah und
sich dann schwer auf einen größeren Felsen fallen ließ, „Das ist
kein Essen für eine Kriegerin!“
Nachdem sie ihr frugales Mahl beendet hatte,
schulterte sie seufzend ihren schweren Wurfspeer und wanderte weiter
durch die schwarzen Ranken. Ob es inzwischen wohl schon Abend war? Oder
noch nicht einmal Nachmittag? Sie verlor zusehends das Zeitgefühl.
Beunruhigt sah sie sich nach dem bleichen Mond des Schattenreiches um.
Schließlich entdeckte sie ihn weit im Osten, nur knapp über den
morschen Ästen der kärglichen Baumleichen, die ihr Blickfeld
begrenzten. Die älteste Weise, Borka, hatte ihr verraten, daß der Mond
auf der dunklen Seite etwa zur Mittagszeit sank und erst spät in der
Nacht wieder aufging. Also war es schon Nacht? Ärgerlich blähte sie
die Nüstern und ließ zischend die Luft entweichen. Die Zeit zu
vergessen, war beinahe so leichtsinnig, wie unnötige Kämpfe! Wenn sie
die Orientierung verlor und nicht rechtzeitig zurückfand . . . dann
konnte sie genauso gut sterben! Sie blieb einen Moment stehen und
vollzog gründlich ihren bisherigen Weg nach, um sich eine innere
Landkarte anzulegen. Sie hatte sich noch nie verirrt und auch keine Lust
jetzt damit anzufangen! Während sie noch den Lauf des Mondes verfolgte,
bemerkte sie ganz in der Nähe einen leidlich hohen Baum, der nicht so
verrottet aussah, wie alles andere um sie herum. Vielleicht könnte sie
in den oberen Ästen ein Nachtlager aufschlagen?
Entschlossen stapfte sie weiter durch das elende
Dickicht, bis sie genau unter dem ausladenden Geäst stand. Mit ihrem
Speer stieß sie mehrere Male so fest sie konnte gegen den Stamm und die
tiefer liegenden Äste und stellte zufrieden fest, daß beide diesen
Attacken standhielten. Sie wagte nicht ihre Schwingen zu entfalten, da
sie fürchtete sie an den Dornenranken zu verletzen, die auch diesen
Baum fest in ihrem Würgegriff hielten und so nahm sie ihren Speer
zwischen die Zähne und grub die Krallen ihrer Hände tief in das
steinharte Holz. Der Aufstieg an sich war leicht zu bewerkstelligen,
sich einen Schlafplatz zwischen all diesem Gestrüpp einzurichten
dagegen schon fast Schwerstarbeit. Doch schließlich hatte sie sich eine
Astgabel freigelegt und ließ sich mit einem erschöpften Knurren darauf
nieder. Den Speer griffbereit und alle anderen Sinne aufs äußerste
geschärft, schloß sie die Augen und war bald darauf eingeschlafen,
ohne auch nur die kleinste Faser ihres muskulösen Körpers zu
entspannen.
Die weiteren Tage ihrer Prüfung gingen beinahe
ereignislos dahin, so das sich Mockra ernstlich zu fragen begann, was
sie den Weisen berichten wollte, wenn sie die dunkle Seite wieder verließ.
Natürlich gab es auch Feiglinge unter den Kriegerinnen ihres Stammes,
die sich die ganzen fünf Tage in der Krone eines Baumes aufhielten und
später wilde Geschichten über ihre Abenteuer ersannen, doch solcherlei
war unter Mockras Würde. Andererseits wäre es auch beschämend,
gestehen zu müssen, daß sie nicht einen einzigen Kampf bestritten
hatte, sah man einmal von der winzigen Auseinandersetzung mit zwei
Trollen ab. Doch diese buckligen Zwerge mit den krummen Beinen und den
warzenübersähten Gesichtern waren ebenfalls unter ihrer Würde!
„Es hilft nichts!“, dachte Mockra
niedergeschlagen, „Ich muß zurück und es wäre töricht noch länger
zu bleiben, nur um auf einen vielleicht gefährlichen Kampf zu hoffen.
Am Ende würde ich verletzt und schaffte es nicht mehr rechtzeitig und
damit wäre niemandem geholfen!“
Also schulterte sie wieder ihren schweren,
unbenutzten Speer und machte sich trübsinnig auf in Richtung Westen,
zurück zu Sonne, Wärme und gutem Essen!
Doch sie war noch keine hundert Schritte weit
gekommen, als sie ein leises Geräusch aufhorchen ließ. Der Wind, der
beständig von den Kaska Bergen herunterwehte, auf denen Eis und Schnee
das Schloß des Dämonenkönigs verbargen, hatte sich etwas gedreht und
trug ihr aus der Ferne das tiefe Gemurmel mehrerer Stimmen zu. Ihr
Herzschlag beschleunigte sich und ihre Nasenflügel bebten, als sie
versuchte eine Witterung der Wesen aufzunehmen, die sich etwa fünfhundert
Fuß von ihr entfernt unterhielten.
„Dämonen!“ flüsterte sie kampfeslustig.
„Es ist nicht vernünftig deine Rückkehr zu
verschieben!“ flüsterte ihr Verstand, „Du weißt nicht einmal wie
viele es sind!“
Doch das Blut, daß murmelnd durch ihre Muskeln
floß und in ihren Ohren rauschte, flüsterte ihr etwas Anderes zu.
Vielleicht hätte ihre Vernunft dennoch den Sieg
davongetragen, hätte sie den Schrei nicht gehört. Doch sie mußte ihn
hören, denn ihre Sinne waren so scharf, wie gebeizter Stahl. Es war der
verzweifelte Schrei einer Menschenfrau und er hing lange und
unheilsschwer in der dumpfen Luft. Ohne daß sie es wahrnahm begannen
ihre Beine zu laufen, katapultierten sie auf dem unwegsamen Gelände
vorwärts. Schließlich breitete sie, taub für Befürchtungen und Ängste,
ihre Schwingen aus und genoß die wirbelnden Luftströme, die über und
unter den ledrigen Häuten hinflossen. Wie ein riesiger Vogel schwebte
sie über der Lichtung, auf der sich die Dämonen um ein winziges
Lagerfeuer versammelt hatten.
„Es sind nur fünf!“ dachte ihre Vernunft
und ließ ihrem Kampfeswillen erleichtert und siegesgewiß alle Zügel
schießen.
Die Menschenfrau lag zusammen gekrümmt am Rande
der Lichtung und wimmerte. Ihr ehemals weißes Kleid war zerfetzt und
blutverschmiert, die gelben Flechten auf ihrem Kopf und die weiße Haut
schimmerten schwach im Glanz des Feuers.
„Das wird ein Abenteuer!“ jubelte Mockra im
Stillen, als sie pfeilschnell auf die Lichtung herabschoß und erst im
letzten Moment ihren Körper abfing. In einer riesigen Staubwolke
landete sie vor den erstaunten und - sie sah es mit Genugtuung -
erschreckten Gesichtern der dunklen Wesenheiten.
Es mußte sich ein See in der Nähe befinden,
denn sie bemerkte zwei Wassergeister unter den Schreckgestalten, die
sich nur langsam aufrappeln konnten. Ihre schuppige Haut glich der
ihren, war aber bläulich, statt braun und nach ihren Erfahrungen weit
weniger widerstandsfähig und aus den grünen Algen, die ihren Kopf
bedeckten rann traniges Wasser. Ihre drei Gefährten waren seltsame
Mischwesen, eine beträchtliche Ansammlung häßlicher Fratzen und abstoßender
Gliedmaßen, Tentakel und Flügeln.
„Sieh an, eine Drachenkriegerin!“, ließ
sich der größere Wassergeist vernehmen, offenbar der Anführer der
Gruppe, „Was führt ein häßliches Reptil, wie dich an einen solchen
Ort?“
Seine hämische Stimme ließ das Feuer in ihrer
Lunge aufsteigen, doch sie wollte diese ungewöhnliche Zusammenkunft
genießen und so hielt sie ihren brennenden Atmen zurück und entblößte
statt dessen ihre rasiermesserscharfen Reißzähne.
„Was sollte es einen armseligen Fisch kümmern,
der es nicht einmal versteht ein Lagerfeuer zu verbergen und seine
Gefangenen ruhigzustellen?“
Sie legte bedächtig ihre Schwingen auf ihrem Rücken
zusammen und ließ einen grimmigen Blick über die Dämonen schweifen,
die zufriedenstellend verängstigt waren. Ihr Speer funkelte im
Feuerschein und die Knochenstacheln auf ihren Rücken und ihrem anmutig
gebogenen Schwanz stellen sich bedrohlich auf. Sie sah das flackern von
Furcht in den Augen des Wassergeistes und doch war er zu sehr erzürnt
über ihre Herablassung, um ihr nicht zu antworten.
„Sieh dich vor du elender Wurm! Wir sind
Abgesandte des großen Königs Bahmat! Wenn du dich uns in den Weg
stellst, wird er dich zermalmen!“
Wie um seine Worte zu verstärken, trat er mit
seinen Flossenfüßen das Feuer aus, doch ihr spöttisches Lächeln
konnte er dadurch nicht vertreiben. Sie brauche kein Licht, um ihn genau
ausmachen zu können, das würde er noch früh genug bemerken. Doch
zuerst wollte sie mehr über diese seltsame Gesandtschaft erfahren.
Warum hatten sie diese Menschenfrau bei sich? Und warum waren sie auf
dem weg zur Grenze, statt die Gefangene zu den Kaskahöhen zu bringen?
„Du, ein Bote des Königs? Ich dachte bisher
euer König hätte zumindest für einen Dämonen einen Funken Verstand,
doch wenn er so unvorsichtige Versager wie euch mit einem Beutezug
betraut, dann kann er nicht mehr Verstand haben, als eine Amöbe!“
„Das wirst du bereuen, du . . .“
Der triefende Wassergeist brachte diesen Satz
nicht zuende, sondern stürzte sich mit gebleckten Fangzähnen auf sie,
doch er war kein Gegner für ihre aufgestaute Kraft. Mit nur einem
Schwung ihres Schwanzes schleuderte sie ihn quer über die Lichtung, bis
ein morscher Baum seinen Flug bremste und über ihm zusammenbrach.
Mockra lachte befreit auf, während sich die anderen Mitglieder der
Gesandtschaft nun gleichzeitig auf sie stürzten.
Einen schlug sie nieder, dem anderen bohrte sie
ihre Klauen in den Bauch, bis sie ein zufriedenstellendes Knirschen
vernahm und dickflüssiges Blut ihre Hand netzte. Den anderen
Wassergeist und ein kleines Insektenähnliches Wesen trieb sie vor sich
her, bis sie es leid war, dann schickte sie ihnen eine glühende
Feuerwoge nach, die sehr viel schneller war, als sie. Befriedigt und
belustigt blickte sie sich um.
„Ah da bist du ja!“
Der Dämon, den sie lediglich niedergeschlagen
hatte bemühte sich nach Leibeskräften zu fliehen, doch aus seinem Ohr
floß Blut und es war abzusehen, das er seinen Freunden bald ins
Jenseits folgen würde. Doch vorher . . .
„Wenn du mir erzählst, was eure Aufgabe war
und warum ihr diesen Menschen bei euch habt, dann werde ich dich schnell
töten. Wenn nicht, dann werde ich dir die Beine, oder was das da auch
sein mag, brechen und dich für die Trolle zurücklassen!“
Sie sah, das ihre Worte Wirkung zeigten. Sogar
die Dämonen fürchteten sich davor den Trollen hilflos ausgeliefert zu
sein, denn jedermann wußte, daß es ihnen großes Vergnügen bereitete
andere Wesen zu quälen und vor ihren Augen deren Eingeweide zu
verspeisen. In den schwarzen Augen des Dämons spiegelten sich
Resignation und Haß.
„Unsere Aufgabe hast du übernommen und du
wirst die Konsequenzen tragen! Die Menschin ist die Gefangene unseres Königs
und du wirst noch bereuen sie gerettet zu haben!“
„Er redet irre, diese miese Kreatur!“ dachte
Mockra bei sich, „Niemals würde der König eine Gefangene entkommen
lassen, geschweige denn ihr eine Eskorte bis zur Grenze mitzugeben! Und
warum sollte ich bereuen sie gerettet zu haben? Der Machtbereich des Dämonenkönigs
endet nur wenige hundert Schritt von hier! Man sollte keine hirnlosen
Geschöpfe um Auskunft bitten!“
Ärgerlich wandte sie sich ab, hielt jedoch ihr
Versprechen und zerschlug den Kopf des Wesens mit der harten
Knochenspitze ihres Schwanzes. Sie hatte nie vorgehabt ihn zurück
zulassen, es deckte sich nicht mit ihrer Ehre.
„Wären diese Dämonen nur ein klein wenig
schlauer, dann hätten sie uns in der Hand, aber da sie keine
ehrenhaften Taten kennen und da sie so dumm sind, werden sie ewig die
Verlierer sein!“ überlegte sie, während sie über die verstreuten
Leichen hinweg stieg, um sich den Zustand der Menschin einmal genauer
anzusehen.
„Ein Schlag auf den Kopf!“ murmelte sie, als
sie den bewußtlosen Körper herumdrehte.
Die Menschin war zierlich und schwach, kein
Wunder also, wenn sie in die Hände der Dämonen gefallen war. Doch dann
fiel Mockras Blick auf das kleine, goldene Messer an ihrem Gürtel und
ihre bernsteinfarbenen Augen weiteten sich vor Erstaunen.
„Eine Priesterin!“ flüsterte sie mit neuem
Respekt.
Alle Völker von Elysion achteten die Priester
und Priesterinnen der Elemente, auch wenn ansonsten jeder Stamm seine
eigenen Götter verehrte. Doch wann immer sich in einem Kind die Kraft
zeigte die Elemente gefügig zu machen, brachte es große Ehre für
seine Familie, wenn es in einen der Orden eintrat, dort die Kräfte
seines Elementes, der Telepathie und der Telekinese beherrschen lernte
und die höheren Weihen empfing.
„Ein weißes Kleid . . . eine Windbeschwörerin!“
kombinierte Mockra und freute sich noch mehr, daß sie sie gefunden
hatte. Sie hatte eine Priesterin der Elemente gerettet und konnte zudem
den Beweis für ihre Geschichte gleich mitbringen. Neugierig warf sie
einen Blick auf die Unterseite des Messers. Aleia stand da in schön
geschwungenen Buchstaben.
Dann betrachtete sie einen Moment sie schönen Züge
der bewußtlosen Frau und dachte an die Entfernung, die ihr noch zu überbrücken
blieb, bis sie sich wieder im Licht von Elysion und der Bewunderung
ihrer Familie sonnen konnte. Seufzend schulterte sie ihren Speer und
ihre menschliche Last und machte sich auf den Weg.
„Zumindest hast du dafür gesorgt, daß meine
Prüfung wirklich erfolgreich war!“ sagte sie zu Aleia, war aber froh,
daß sie ihr nicht antworten konnte, als sie sich ihren Rückweg durch
den Dornenwald erkämpfte.
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