stellt sich vor:
Ich bin
Jahrgang 66 und so
wie viele typische Widder: unbeherrscht, herrschsüchtig, launisch und
ungeduldig, aber auch spontan, strebsam, ehrlich und unternehmenslustig! Deshalb ergab es sich auch so, dass ich
meinem Abenteuerdrang nachgeben musste, um mit einem aufblasbaren Gummiboot die
Ruhr zu erkunden.
Homepage: www.heydn.de
eMail: fledder(at)web.de
Hier die
Tour
de Ruhr
oder
"Ein knallrotes Gummiboot"
Der Sommer 1998 war ja nicht ganz so schlecht.
Es gab immerhin ein paar sonnige und warme Tage. Unser Budget ließ es -
wie so oft - nicht zu, in Urlaub zu fahren, also überlegten wir,
was die nähere Umgebung an Attraktionen zu bieten hat. Angrenzend an Düsseldorf
liegt ein etwas größerer See, der an heißen Tagen gern zum Baden genutzt
wird. Uns war nicht behaglich bei dem Gedanken, wie Ölsardinen
aneinandergereiht auf einem Handtuch zu liegen und den Geruch der Sonnencreme
des Nebenmenschen einzuatmen.
Für die totale Freiheit auf dem See musste ein aufblasbares
Gummiboot her, möglichst ein knallrotes. Dieses erwarben wir auch ziemlich günstig.
Für zwei Mann bot es ausreichend Platz. Natürlich fehlte auch nicht die unerlässliche
Doppelhubluftpumpe, die das Aufblasen des Bootes wesentlich erleichtert. Es
ergab sich allerdings, dass erst einmal Regentage angesagt waren, so dass wir
das Boot überhaupt nicht zum Einsatz bringen konnten.
Kurzerhand bliesen wir es in unserem Wohnzimmer auf - man muss
schließlich prüfen, ob auch alles dicht ist.
Unsere beiden Kater freute diese Aktion sehr - uns nicht, denn die Krallen
der Viecher sind ja bekanntlich ziemlich scharf. Aber wir erfreuten uns unseres
knallroten Gummibootes im Wohnzimmer.
Dann war es endlich so weit, es wurde wieder wärmer.
Wir stachen also in den an Düsseldorf angrenzenden See und freuten uns,
dass wir stundenlang auf dem See dümpeln konnten, unbehelligt von Sonnencremedüften
und schwitzenden Menschen. Es war sehr nett. Das machten wir dann einige Tage
und waren nachher nicht mehr befriedigt, dümpelnder weise auf dem See zu
treiben. Es wurde uns langweilig.
Wir planten also eine großangelegte Flussfahrt!
Gesagt - getan.
Wir überprüften das Gummiboot auf eventuelle Beschädigungen, so dass
uns nachher unterwegs nicht die Luft ausgehen sollte. Die Paddel waren
funktionsbereit. Das Reparaturset einsatzbereit. Wir besorgten uns Schlafsäcke,
das Zelt, den Grill, das Fleisch, Kohle, Saucen, Teller, eine Flasche Wein und
Ersatzklamotten, falls wir nass werden sollten.
Beschämt fiel uns auf, dass dies unmöglich in das Gummiboot passen
konnte.
Wir erwarben ein kleineres
Gummiboot, welches wir als Beiboot einsetzen wollten.
Das geplante Wochenende kam und wir luden alles in unser Auto
und fuhren Richtung Essen. Es war allerdings schon später Mittag, obwohl wir
schon morgens losfahren wollten, aber man ist ja flexibel.
Wir waren gut drauf und freuten uns auf unsere abenteuerliche
Flussfahrt!
Die Ruhr überquerten wir dann vier oder fünf Mal und fanden dann
endlich ihr Ufer. Leider fanden wir dann aber keine Möglichkeit, unsere Boote
zu Wasser zu lassen - die Stimmung senkte sich. Nachdem wir einige Zeit
damit verbrachten, einen geeigneten Platz zum Stapellauf zu finden wurden wir
durstig und suchten nach Getränken.
ZUFÄLLIG parkten wir auf der Suche nach Getränken unser Auto in der Nähe
eines Tretbootverleihes.
Sofort hatten wir keinen Durst mehr und wir fragten den netten
Bootsverleiher, ob wir hier an seinem Steg unser Boot zu Wasser lassen dürften.
Das durften wir sogar und wir freuten uns.
Wie viel PS denn unser Boot hätte, fragte der Bootsverleiher fachmännisch,
der in unserem Ansehen aufgrund dieser Frage sofort sank. DAS werde er schon
sehen, raunte ich ihm zu und verschwand panisch um eine Ecke, hinter der mein
Gatte unser Boot aufpumpte. Verschiedene Obdachlose sahen ihm dabei zu und
grinsten. Sie
prosteten uns mit ihren Bierflaschen zu. Als sich mein Gatte bereit
machte, das zweite - unser Bagage-Boot - aufzupumpen, lachten
sie laut und einige Spaziergänger gesellten sich zu ihnen um mit ihnen zu
lachen.
Ungeachtet dessen raffte ich unser Zeug zusammen und stellte schon
einmal den Grill, Schlafsäcke, Zelt, Kühlbox und unsere ganzen anderen
Utensilien auf die Anlegestelle des Bootsverleihs. Der Bootsverleiher sah sich das alles wohlwollend mit in den
in die Hüften gestemmten Händen an. Nun erschien mein Gatte auf dem Anlegesteg
mit dem aufgeblasenen knallroten Gummiboot. Wortlos verschwand der
Bootsverleiher in seiner Kabine. Fachmännisch ließen wir das Gummiboot zu Wasser, dabei
gesellten sich noch einige Ausflügler hinzu, GAFFER eben. Das Beiboot wurde
ebenfalls zu Wasser gelassen und am großen Boot festgetaut. Es war richtig was
los auf der Anlegestelle und der Bootsverleiher erschien wieder, um die Leute zu
einer Tretbootfahrt zu überreden. Sie wollten aber nur gucken.
So schmissen wir unsere Utensilien in das Beiboot, das gefährlich
schwankte und stark absank. Die Sachen häuften sich ziemlich auf, so dass ich
bei einer größeren Welle Angst hatte, sie zu verlieren. Jetzt konnten wir
nicht mehr zurück. Ungelenk warf ich mich in unser Gummiboot und mein Gatte kam mit den
Paddeln hinterher.
Dann machten wir los und fuhren los auf offene See. Die Leute auf dem
Steg winkten uns noch hinterher, als wir nach fünf Minuten ca. 3 Meter von
ihnen fort waren.
An der
Uferpromenade konnten wir auch Menschen ausmachen, die uns winkten und lachten
und scherzten und... und wir gaben unser bestes. Mein Gatte paddelte, als ob es
um sein Leben ging, um endlich einen ausreichenden Abstand zu gewinnen und er
schaffte es, uns auf die richtige Fahrseite zu bringen. Wir entfernten uns allmählich
vom Ufer und stellten dabei fest, dass wir nicht flussabwärts, sondern
flussaufwärts paddelten.
Das war uns dann aber schließlich gleichgültig, wir paddelten unter
den Augen der winkenden Leute weiter. Es kam dann auch gleich eine Flussbiegung,
hinter der mein Gatte die Paddel losließ und sich die Oberarme hielt.
Aber lange dümpeln durften wir ja nicht, denn dann trieben wir ja
wieder zurück. Die Strömung war ganz schön stark für unser kleines Boot und
mein armer Gatte musste sich richtig anstrengen, damit wir ein paar Meter
weiterkamen.
Die Ruhr wurde dann ziemlich schmal und am Ufer saßen an mehreren
Stellen Angler, die ebenfalls lachten und winkten. Dann kam ein Ausflugsboot.
Panisch paddelten wir näher ans Ufer, um den großen Wellen zu entgehen. Ich
dachte nur an unsere Sachen im Beiboot. Die Leute auf dem Dampfer lachten und
winkten und wollten sich nicht mehr
einkriegen und ich hielt unser krampfhaft fest. Es hielt. Jetzt war ich
beruhigt, dass auch größere Wellen dem Beiboot nichts anhaben konnten und ich
entspannte mich und sah meinem schweißgetränkten Gatten zu, der wild weiter
paddelte.
Es war schon später Nachmittag und wir hatten Hunger und Durst. Dabei
sind wir gerade mal 2 km flussaufwärts gepaddelt. Vor uns lag eine Anlegestelle
von einem Campingplatz. Der erste, den wir gesehen haben auf diesen 2
Kilometern. Wir überlegten, wann denn der nächste Campingplatz wäre, weil es
ja auch bald dunkel
werden würde und wir ziemlich erschöpft waren. Am Steg stand eine
lachende und winkende Frau. Die fragten wir, wo denn der nächste Campingplatz
an der Ruhr liegen würde. Aufgrund der Mitteilung, dass der nächste Platz ca.
5 km entfernt sei, machten wir an diesem Steg sofort fest. Wir waren einfach zu
erschöpft. Hier wollten wir unser Zelt aufbauen und grillen. Wir sprangen auf
den Steg und angelten unsere Sachen aus dem Boot und die Boote aus dem Wasser
und erhielten daraufhin die Mitteilung, dass dieser Campingplatz ausschließlich
für Wohnmobile und Wohnwagen sei. Nicht für Zelter! Aber bei uns machte man
eine Ausnahme. Wir freuten uns und bekamen einen Platz zugewiesen.
Wir sollten uns auf einer Stelle aufbauen, die vor dem Vorgarten
zwischen Familie Meier und Familie Müller lag. Beide Familien versuchten sich
zu übertreffen in ihren wunderschönen Standorten mit ihren Superwohnanhängern
mit ihren wunderschönen Vorgärten mit wunderschönen Gartenzwergen mit
wunderschönen Blumen und mit kleinen Zäunchen drum herum. Dazwischen lagen
dann bunt verstreut unsere Boote und anderen Sachen. Wir waren ein richtiger
Schandfleck. Die Leute um uns herum waren erstaunlicherweise allesamt betrunken
und wir bekamen Tipps, wie und wo wir unser Zelt aufbauen sollten und
überhaupt.
Wir ignorierten dies und schlugen als erstes unsere Heringe in den
Grasboden. Gott sei Dank war es weicher Boden, denn an einen Hammer haben wir
nicht gedacht.
Kaum dass wir die Heringe im Boden hatten, worauf wir sehr stolz waren
kam das Oberhaupt der Familie Müller und teilte uns mit, dass wir HIER nicht
unser Zelt aufbauen sollten - sondern dort, ca. 2 Meter weiter, Richtung
Familie Meier.
Weil wir keinen Ärger mit einem betrunkenen Ruhrgebieter haben wollten,
entfernten wir unsere Heringe wieder und schlugen sie in die richtige Stelle, näher
bei Familie Meier.
Dort durften wir dann bleiben. Kurze Zeit später hatten wir unser Zelt
aufgebaut und unsere Utensilien darin untergebracht. Wir liefen noch einmal zum
Anlegesteg. Dort stand wieder diese Frau und fummelte an einem richtigen
Schlauchboot herum. DAS ist natürlich ganz was anderes als unser Gummiboot. Das
Schlauchboot besaß einen festen Boden und einen Außenbordmotor und war auch
richtig robust. Wir "fachsimpelten" ein wenig über Boote - denn
nun konnten wir ja mitreden.
Hunger hatten wir immer noch. Grillen durften wir nicht auf dem Platz,
offenes Feuer ist verboten. Wir waren stocksauer und hungrig und verließen den
Campingplatz auf der Stelle, um nach einem geeigneten Restaurant zu suchen. Das
fanden wir dann nach einem Spaziergang entlang der Landstraße auch - unser ca. 1,5 km entfernt stehendes Auto stand fast davor. Wir waren also am
Ausgangspunkt angekommen. Trotzdem ließen wir es uns schmecken und waren wieder
zufrieden.
Danach waren wir müde und wollten in unser Zelt. Es war auch schon
dunkel.
Kaum dass wir im Zelt saßen und die Türe zugemacht hatten, hörten wir
ein Füßescharren vor unserem Zelt.
Hey, hey, sprach einer und wir krochen wieder aus dem Zelt, um zu sehen,
ob wir gemeint waren. Vor uns stand ein untersetzter kleiner Mann in unserem
Alter mit blutunterlaufenen Augen. Der starrte uns nicht ohne Ehrfurcht an.
Woher wir denn kämen, fragte er neugierig. Hinter ihm erschien auch
mittlerweile seine Frau und seine Kinder und seine mitgebrachten Kinder, was wir
nachher herausfanden.
Wir räusperten uns und gaben kleinlaut zur Kenntnis, dass unser Auto
ca. 1,5 km von hier entfernt stehen würde und wir diese Entfernung mit dem Boot
zurückgelegt hätten.
Die Leute wollten sich nicht mehr einkriegen vor lachen, dachten sie
doch, sie hätten hier Old Shatterhand und Lederstrumpf vor sich... Wir mussten
auch lachen und so hatten wir schon unsere neuen Bekannten auf dem Campingplatz.
Wir schauten noch einmal nach, was denn am Anlegesteg so los wäre. Dort
lagen einige Leute im Gras und schauten zwei Anglern zu. Wir gesellten uns dazu.
Die Angler waren sehr gesellig und erzählten lustige Geschichten. Ab und zu
zogen sie einen Fisch aus dem Wasser. Ich gab meine Geschichte zum besten, die
sich wahrhaftig zugetragen hatte. Es gab eine Familie in Wien, die hatte sich zu
Sylvester einen Karpfen gekauft. Dieser Karpfen wässerte nun in der Badewanne.
Keiner konnte den Karpfen durch einen Kopfschlag oder sonst was töten und so schoss das Familienoberhaupt mit einer Pistole auf ihn...
unvorstellbar aber wahr.
Die Kugel durchschlug die Wanne - die nachher natürlich erneuert
werden musste - aber der Karpfen wurde nicht getroffen. Er erstickte, weil
er kein Wasser mehr hatte. Da war aber was los am Steg. Das Gegröle zog unsere
neuen Bekannten an, die uns spontan zu sich einluden.
Es wurde ein langer netter Abend.
Am nächsten Tag waren wir ziemlich müde und wollten wieder nach Hause.
Grillen durften wir immer noch nicht.
So brachen wir unsere Zelte ab und stachen wieder in See. Der halbe
Campingplatz versammelte sich auf dem Steg und winkte und lachte. Flussabwärts
ging es wahrhaftig leichter und schneller. Wir fanden noch eine schöne Stelle,
an der wir am Ufer unser Fleisch grillen konnten und fuhren wieder Richtung
Tretbötchenverleih.
Der Tretbötchenverleiher sah uns schon von weitem anpaddeln und zog uns
dann mit einer Stange an den Steg heran, so dass wir es leichter hatten,
auszusteigen. Dann machte er uns ein Angebot, wir sollten seinen Motor kaufen.
Sogar eine Probefahrt durften wir mit ihm machen. Das war natürlich ganz was
anderes. Das war Speed. Er hatte ein Motorboot und wolle den Motor austauschen,
den würde er uns zum Sonderpreis überlassen für 350,- DM. Leider hatten
wir die nicht und wir dankten dem guten Mann für sein Angebot. Wir wollten nur
nach Hause.
Die Obdachlosen waren wieder da und erkannten uns auch wieder. Sie wünschten
uns alles Gute und wir verstauten unsere Siebensachen wieder im Auto.
Es war ein schönes Wochenende, über das wir immer noch lachen!
Old Shatterhand und Lederstrumpf auf der Ruhr.
Irgendwann gewinnen wir im Lotto und kaufen uns ein Motorboot. Und wenn
nicht, dann machen wir die "Tour de Ruhr" noch einmal und wieder zum
gleichen Campingplatz. Es war echt spitze.
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