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... Mit starrem Blick schaute sie durch die Gitterstäbe des kleinen Fensters. Der Wind spielte mit den Blättern, die der frühe Herbst in den tristen Innenhof geweht hatte, trieb sie in eine Ecke, wo sie sich gegenseitig in Kreisen jagten, wie einer plötzliche Eingebung folgend in einer Spirale nach oben stoben, um ebenso unvorhergesehen wieder hinabzufallen und fast reglos liegen zu bleiben, bis ein weiterer Ansturm das Spiel von neuem begann.
Sie war blaß. Die dunklen Augen lagen tief in den Höhlen. Ihr Körper schmerzte von den vielen Mißhandlungen. Nur ihr goldenes Herz nicht. Sie hatten sie gequält, weil sie nicht sprach. Sie konnte nicht. Sie hatten ihr die Sprache gestohlen. Sie wußte nicht warum. Dabei hatten sie doch jeden ihrer Gedanken hören können... ja... jeden ihrer Gedanken!
Sie hatte ihre Aufgabe so gut erfüllt! Bis zu diesem verhängnisvollen Tag, an dem ihre Gedanken begonnen hatten, sich immer weiter auszudehnen und so unerträglich laut geworden waren. Wenn sie durch die Straßen ging, hatten sich bald alle Leute nach ihr umgeschaut... Hihihi... sie mußte kichern, trotz der Schmerzen. Auch der Kardinal hatte sie schließlich gehört. Aber es war zu spät gewesen. Ihr Zauber hatte lange genug gewirkt, um ihn zu blenden. Und nun wußten alle, was für ein sündiger und lasterhafter Mensch er war - gewesen war, denn er hatte sich selbst erhängt, nachdem sie ihn nackt mit ihr zusammen auf dem Altar entdeckt hatten... Ja, sie hatte es verstanden, seine Leidenschaft zu entfachen. Es war ein Leichtes gewesen, nachdem sie ihn lange genug beobachtet hatte, um von seinen kleinen Entgleisungen zu erfahren - und auch von seinen größeren. Bald war er so weit gewesen, den Verstand zu verlieren, wenn er sie sah, wenn er sie roch. Eine machtlose, rasende Leidenschaft, in der er sich nicht mehr in der Gewalt hatte, nicht mehr wußte, was er tat. Was auch immer sie von ihm verlangte, er folgte ihr. Haltlos, lechzend nach der Erlösung, von der er nicht wußte, daß sie ihn nur noch mehr fesseln und in Leidenschaft verstricken würde... Sie hatte ihn zerstören wollen und sie hatte ihr Ziel erreicht. Wie bei so vielen anderen auch! Sie kannte viele Methoden, einen Menschen zu vernichten. Gesundheitlich, persönlich, gesellschaftlich - alle waren sie ruiniert worden. Irgendwann würde diese ganze verfluchte Kirche am Ende sein. Zerstört, vernichtet, dem Erdboden gleich, wie eine feindliche Burg, die man schleifte, wie einst den Tempel der Kybele! Dann würde sie endlich Ruhe finden. Das hatten die Stimmen ihr versprochen, die von ihr Besitz ergriffen hatten. Nur ihr Herz, ihr goldenes, das hatten sie ihr nicht nehmen können... Sie faßte sich an die Brust. Dort, wo einst die Fingernägel gewesen waren, befanden sich nun blutige Krusten. Sie war dem Inquisitor in die Hände gefallen! Die Kirche wollte sie zerstören. Wie immer schon. Doch sie würden es nicht schaffen. Sie würde ihnen entfliehen, auf die eine oder andere Weise. Was auch immer sie ihr an Leid noch zufügen mochten. Ihr Herz würde weiter leben. Denn sie war die Auserwählte! Der Kampf würde weitergehen, bis sie gesiegt, das Unrecht gerächt hätte. Welches Unrecht? Das wußte sie nicht mehr so genau... Oh, diese Verfluchten, sie stahlen ihr ihre Gedanken, schlichen sich schon wieder heimlich bei ihr ein, weil sie hier gefangen war. Sie erinnerte sich nur, daß sie Feinde waren. Feinde, solange sie denken konnte. Feinde, aus unendlicher Zeit, wie es schien. Die Kirche verfolgte sie und sie ihrerseits tat alles, um ihre Würdenträger zu vernichten... Sie besaß viele Waffen... Sehr viele! Und es lag ganz bei ihr, wie sie sie einsetzte. Sie hatte ihre Fähigkeiten schon früh bemerkt, die sie anders sein ließen, als die meisten anderen Menschen. Schon als Kind war es ihr ein Leichtes gewesen, Menschen zu heilen - oder auch leiden zu lassen. Damals hatte sie es noch geliebt zu helfen. Alle hatten sie geliebt... Heute zog sie es vor, zu zerstören, weil sie ihren wahren Auftrag erkannt hatte.
Sie schaute auf ihre blutigen Finger mit den harten Krusten und richtete ihre Aufmerksamkeit nach innen. Sie schloß die Augen, und bald spürte sie, wie ein sanftes Kribbeln durch die Hände floß. Dieses Kribbeln wurde stärker und stärker. Sie merkte, wie geschwächt sie von der langen Tortur war. Es kostete sie Kraft. Sie verlor das Gefühl dafür, wie viel Zeit verging, aber als sie die Augen öffnete, waren die Wunden der Finger verheilt. Sie schaute sie an... Früher wären auch die Nägel bereits nachgewachsen gewesen, dachte sie...
Sie schleppten sie fort, zerrten sie auf den Wagen, der rumpelnd durch die Straße fuhr. Die Hände auf den Rücken gebunden. Die Straßen waren voll von Schaulustigen, die winkten und schrien. Und das Gedränge und Gejohle wurde immer heftiger und lauter, je näher sie dem Marktplatz kamen. Alle konnten sie ihre Gedanken hören und sie wußten, daß sie nichts bereute! Jeder von den vielen Würdenträgern hatte es verdient gehabt! Warum hatten die sie verfolgt... immer hatten die sie verfolgt. Und sie waren schwarz, so schwarz... Sie kannten das Helle und das Licht nicht, würden nie von ihrem goldenen Herzen wissen... doch sie hörten ihre Gedanken... sie mußte aufpassen, was sie dachte... Doch nun war es sowieso egal. Sie wußte, was geschehen würde, es war egal! Sie würden sie ein letztes Mal quälen. Und all diese Menschen würden sich daran ergötzen, dieser Pöbel... Wie damals, als sie den Tempel zerstörten... welchen Tempel? Sie haßte alle Tempel, alle Kirchen, alle Dome und Kathedralen! Denn sie hatten sie verfolgt, gnadenlos, schon als kleines Kind... als Kind...? Waren ihre Gedanken wirre? Wann würden sie endlich aufhören in ihrem Kopf zu denken...? Bald... ja bald... Dann würden auch die Stimmen schweigen. Oh, sie wußten nicht, was Liebe ist. Brenzlicher Geruch hatte begonnen, die Luft zu erfüllen, während der Lärm der Menschen immer lauter wurde. Sie konnte sie alle sehen, konnte auf sie herunterschauen, wie sie da schreiend und gestikulierend standen, sich gegenseitig drängten und schubsten, um diesem Schauspiel möglichst nahe zu sein... Das hatte es früher auch schon gegeben, bevor Er gekommen war... Brot und Spiele... Wie oft hatte sie das Geschrei vom Amphitheater hinauf schallen hören, dort, wo Sie ihren Wohnsitz hatte, ihren Tempel... »Gaudeamuuus...«
Sie konnte sich nicht mehr wehren. Die langen Torturen hatten ihre letzte Kraft geraubt. Sie hatte es gewußt, als sie ihre Finger heilte und sich anschließend in diesen Zustand versetzte, der sie benebelte - ein letzter Liebesdienst, den sie sich selbst erwies. Doch wozu? Sie begann zu husten. Der Qualm hüllte sie mehr und mehr ein und sie konnte die Hitze der Flammen bereits spüren. Eine leise Angst begann in ihr Bewußtsein zu dringen, kroch ihr langsam die Beine hoch, die begannen zu zittern. Warum mußte ihr das geschehen? Warum würden sie schon wieder siegen? Warum siegten sie immer und immer und immer wieder, wie sehr sie sich auch anstrengte zu sühnen... und dabei kannten sie die Liebe nicht. Ihre nicht und Seine nicht! Doch sie selbst? War es ihr nicht manchmal bereits vorgekommen, als sei ihr goldenes Herz verrostet? Wie viel von der alten großen Liebe, dem Licht und der mütterlichen Fruchtbarkeit und Ihrem Schutz war noch geblieben? Ihre Macht wuchs von Mal zu Mal... doch ihre Liebe?? Ihr Kontakt und ihre Einheit mit Ihr?? Warum hatte Sie sie verlassen, damals, obwohl sie ihr doch all die Jahre treu gedient hatte? Bis zum Schluss noch, als alles über ihr zusammenstürzte... Die Bilder begannen wieder in ihr hell zu werden, von damals, als man den Tempel der Kybele zerstörte. Sie erlebte es noch einmal, genau so, wie es gewesen war... und auch all die Jahre zuvor...
Ja, sie war die Priesterin der Kybele! Sie hatte ihr schon viele Leben lang gedient, bis sie schließlich ihre oberste Priesterin wurde. Vertreterin und Schützerin der großen Urmutter, Hüterin des Mineral- und Pflanzenreiches! Sie war eins mit Ihr gewesen, bis zu jenem verhängnisvollen Tage... als sie sich von allem trennte. In diesem Augenblick ihres Todes, der über alles entscheidet. Wie hatte es geschehen können, daß sie sich so wehrlos von Hass und Enttäuschung hatte fortreißen lassen? Daß sie von diesen übergroßen seelischen Schmerzen so sehr überwältigt war, daß sie in diesem entscheidenden Moment Hass und Rache an denen besiegelte, die in reiner Verblendung und Unwissenheit ihren Tempel zerstörten? Damit hatte sie ihre Trennung von Ihr und zahllose qualvolle Wiedergeburten in genau dieser Verblendung manifestiert, so lange, bis es ihr endlich, endlich wieder gelingen würde, Ganzheit und Einheit zu erringen... Zum ersten Male seit damals konnte sie diese Zusammenhänge wieder erkennen, konnte sich daran erinnern, wer sie wirklich war! Tiefe Traurigkeit überfiel sie, während Tränen ihre Wangen herunterliefen. Weitere Bilder der Erinnerung an längst vergessene Zeiten stiegen in ihr auf. Ihre Zeit als Novizin, schon im Alter von sieben Jahren... all die Jahre ihrer Schulung im Tempel. Und ihre Weihe zur obersten Tempelpriesterin...! Die Liebe zu dem Gladiatoren, der sich gegen sein Schicksal aufgelehnt hatte und bei seiner Flucht im Tempel Unterschlupf fand, wo sie ihn eine Zeitlang verbarg und schützte, seine Wunden pflegte und sie heilte. Cornelius! Wie sie sich nach und nach kennen und schätzen lernten - und lieben, auf ihre eigene Art! Ihre gemeinsamen Spaziergänge durch den Tempelgarten, seine Stimme, seine Kraft, sein Geruch. Abende im Sonnenuntergang mit Blick auf Rom... Und wie sie sich schließlich ewige Treue versprachen... Er sie später fand, unter den Trümmern, und ihren Leichnam nach alter Tradition der Göttin übergab - tiefe Wehmut in seinem Herzen, während sie bereits merkte, wie es sie mit der unaufhaltsamen Macht eines kosmischen Wirbels hinfort schleuderte, einer unbekannten Zukunft entgegen...
Später dann... Wiedergeburt auf Wiedergeburt, mit den wahnwitzigsten Irrungen und Verwirrungen, eine Freveltat zu sühnen, der sie sich selbst nicht mehr bewußt war. Mal als Täter, mal als Opfer. All diese Leben, in denen ihre Seele verzweifelt versuchte, wieder Ganzheit zu erlangen, mit unbekannter Sehnsucht, Verzweiflung, Hass. Und immer spielte auf die eine oder andere Weise ein Mann eine Rolle, den sie nie erkannte. Nun konnte sie ihn sehen. Der Gladiator hatte Wort gehalten, wie sie es sich einst versprochen hatten, jedes Mal erneuert, wenn sie sich in der Unendlichkeit begegneten, vergessen und verkannt, wenn sie dann das Leben zusammenführte, Mal um Mal. Und diese Erkenntnis ließ sie nun zutiefst erschauern, während sie begriff, wen sie zuletzt auf so gemeine Weise in den Tod getrieben hatte - in ihrem Wahn! Auch das war er gewesen, der Kardinal, Cornelius! Es traf sie wie ein Schlag, als ihr klar wurde, auf welche Weise er sich für sie geopfert hatte. Der Schmerz über diese Bilder der Wahrheit drohte ihr Herz zu zerreißen. Er war viel schlimmer, als die zunehmende Atemnot, die ihr der Qualm verursachte, schlimmer als die brennenden Schmerzen, die die heißen Flammen inzwischen an ihren Füßen hervorriefen. Sie hatte alle Angst zu sterben hinter sich gelassen, bereit, diese Schmerzen als Sühne zu ertragen. Es gab keinen Hass mehr. Auch nicht denen gegenüber, die ihr nun dieses antaten. Sie wußte nun auf neue Weise, daß es niemanden gab, dem man hier etwas hätte antun können, wie groß ihre Schmerzen auch immer sein mochten. Und diese Schmerzen wuchsen, als das Feuer sich plötzlich mit züngelnden Flammen ihre Beine hinauffraß, sie den Geruch ihres eigenen verbrannten Fleisches in die Nase bekam - unerträgliche Schmerzen! Doch sie wußte, daß dieser Körper schon nicht mehr der ihre war, während sie sich ausdehnte, mehr und mehr, sich über dieses Feuer erhob, über diesen Platz, mit tiefem Mitgefühl für all die, die dort jubelten und sich an den Qualen dieses Körpers ergötzten, der sich wand und aufbäumte, während seine ersterbende Stimme schrie: »Kybeeleee...!!!«
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