Edda Gutsche
Edda stellt sich vor:
Edda Gutsche, geb. 1963
lebt in Dänemark, schreibt Lyrik und Prosa
letzter Einzeltitel: Geißblattgeflüster, 1999, Scheffler Verlag Herdecke
Alle Rechte bei der Autorin.
Schneetreiben
Da, plötzlich fällt der Schnee,
nach trügerischen Tagen,
aus blassem Himmel, leise,
wie vergessenes Sagen,
und bleibt auf feuchter
Erde wie ein Bett.
Ein Bett, das unberührt,
in weisser Helligkeit
die Liebesnächte spürt,
die sich darin verträumen.
Die weisse Uhr
Ich habe eine Uhr,
der die Zeit immer vorauseilt.
Sie hängt an der Wand –
schneeweiss – als wüsste sie es nicht.
Und manches Mal, wenn sich
die Uhr erinnert, erklingt
aus ihrem dunklen, zugeschlossenen
Zimmer ein warmes “Gong“…
Als hätte sie gesagt “Das war’s –
und es war schön.“ Als läute sie
die Stunden aus statt ein und
ginge weiter, still, als müsse das so sein.
Sie sieht die Zeit von hinten –
flatternde Mähne, Pferdeschweif,
ein langer Rücken und ein rascher Gang –
und tickt ihr hinterher in all die Räume,
welche die Zeit schon urbar machte,
als meine Uhr noch in Gedanken war.
Farumgaard
Stumm wandert die Allee
dem weissen Haus entgegen,
das eingeschneit am grauen
Himmel lehnt. Der See,
auf den sich Schleier legen,
lebt seine eigene Einsamkeit.
Das Gutshaus schläft seitdem
die Hofuhr stehengeblieben,
doch an den müden Fenstern
bauschen sich Gardinen,
die sich zur Seite schieben
wie von unsichtbarer Hand.
Im Innern hallen noch die Schritte,
die in verlorener Stunde
mit dem Herbstwind fortgezogen
sind. Nichts wacht, nichts stört
die geisterhafte Runde,
dieses unendlich lange Gehen.
Vergessen sind die Feste
der Skulpturen, die, vorsichtig
nur den Rand der Welt berührend,
in Mondnächten die Steinfüsse gesetzt
um später, all die Widerstände spürend,
der Symmetrie des Gartens zu entfliehen.
Erstarrt sind sie, verwandelt in Elegien.
Gebeugte Körper, sinnende Gesichter
mit leeren Augen, wie verlassene Bräute,
verschüttet von der weissen Last.
Kein Lachen, keine Spuren oder Lichter,
Nur die Allee zieht weiter bis ins Dorf.
Februarsonne
Warten auf Sonne und auf dich,
dass du dich losschälst von dem Baum,
der halb gefallen nicht mehr wachsen kann.
Da schwebt er eine Handbreit überm See
und greift, als wüsste er das Flüchtige zu halten,
mit seinen schweren, windverrenkten Armen
nach Nebeln, die dem Waldufer entsteigen
und schon zergehen um eine gelblich-bleiche Scheibe,
die so wie ein Gesicht, das krank ist,
aus schmerzend weisser Betteneinsamkeit,
vor seinem eigenen Spiegelbild erschrickt,
das dort im Eis vor ihm zerbricht, im See.
Lass mich das Flüchtige in dir umarmen
und dich entzaubern, dass du dich nicht irrst.
Und lass mich jeden Anfang in dir lieben
nach diesem tiefen tiefen Schlaf.
Im Moskauer Park
So einen Himmel
gibt es sonst nirgends -
so leuchtend, klar und kalt,
dass die Gesichter schmerzen.
Wir wandeln unter einer halben Kugel
aus blauem Kristall.
Der Fluss rauscht über’s Wehr,
zerschäumt, verstummt
und teilt den Park,
der mit ihm weiterzieht -
zwei Sorten Grenzpfähle
im bleichen Grasrücken.
Seit es Nacht war,
schlafen die Teiche.
Die Sterne haben
sie heimlich geküsst
und prägten ihre Bilder
ins silbrige Eis.
So viele Bäume -
schwarz, mit steifen Armen.
Ein Tannenzweig,
nur eine Handbreit
über’m Wasser schwebend,
trägt eine Brosche
aus funkelndem Glas.
Im Kurhaus tanzen wir,
jeder für sich allein,
um festliche Tische
mit Weihnachtskerzen,
Nüssen und Schalen
voll rotem Gelee...
(dem Löwen zur Erinnerung 11.12.2002)
Im Winter
Im Winter
hat die Einsamkeit
nordischer Städte
das Sprechen verlernt.
Schmucklose Häuser
baumloser Strassen
frieren sich kaputt.
Wirf einen Schneeball
in eine Scheibe,
oder lass es sein...
Am Fjord
Sieh, dort breitet sich der Fjord und schweigt sich aus.
Es scheint, als wären hundert Himmel schon
darin ertrunken. Die schweren Himmel
von aber hundert Wintertagen,
die schon vergangen, eh’ sie recht erwacht.
Die Hügeläcker haben ausgedient,
so wie der Hafen dieser sauberen
kleinen Stadt und sich verschworen,
nicht das geringste von sich preiszugeben.
Sie blicken nur noch in sich selbst.
Sieh nur, wie der Flug der wilden Gänse
in dieser Stille bleiern wirkt, dass sie zu
Boden fallen müssten so wie Marionetten,
die man von ihren Schnüren abgeschnitten.
Doch sie zergehen in der fernen Luft,
als wären sie nie dagewesen.
Und alles bleibt wie hingesunken,
erstarrt, gehangen oder kraftlos eingestürzt.
Nichts ist mehr, das sich noch bewegt.
Was ist der Sinn des grossen Schlafens?
Wintertag
Ein Schwall Gelb
in milchiger Trostlosigkeit,
als hättest du
mir Sonne geschickt
und nicht ausreichend frankiert.
Frühere Gedichte
Vögel
Meine Gedanken sind Vögel.
Einer flog aus,
die Weisheit zu suchen
und wurde verständig.
Ein zweiter flog aus,
Brücken zu suchen
und lernte schwimmen.
Ein dritter flog aus,
die Sonne zu suchen
und fand dich.
Im Park
Meine Liebe
habe ich beerdigt,
metertief im
morastigen Grund,
dort, wo die Wiese
zu Park wird, wo
hinter mannshohen
Odermennigstauden
Welle um Welle
im Schilf zerschäumt.
Auf dem Grab
meiner Liebe
leuchtet ein Stern,
verfunkelt sich
in leiser Hoffnung,
dass der Glaube
an Auferstehung
berechtigt ist,
im Sumpf, im Park,
am murmelnden See.
Morgens um fünf
Jeden Morgen im März
singt die Amsel ihr Lied.
Vor meinem Fenster
schluchzt sie und seufzt,
als hätte sie Heimweh,
als wollte sie verlorene
Nester wiederfinden
und in Besitz nehmen,
so, als wäre sie nie
wirklich davongeflogen.
Möglich, dass sie tatsächlich
nie davongeflogen ist,
dass sie es nur träumte,
so wie sie jetzt von jenen
anderen Büschen träumt,
die vor einem anderen Haus
im März immer blühten.
Menschen nennen es Sehnsucht
und werden sentimental davon.
Wo sind Amseln zu Hause?
Vielleicht dort, wo sie ihre
ersten Lieder jubelten,
wo ihre Vogelträume
in den Gärten wuchsen,
so bunt, so hoch, so üppig,
dass sie wahr wurden.
Wie kann die Amsel,
wie kann sie nur…!
Hab’ ich etwa Heimweh,
morgens um fünf?
Der Mohn-Monat
Jetzt ist der Mohn-Monat da,
wo die Monde in den Märchen
schlafen
und sich bei Tage
in die Bäume hängen
wie Sonnen.
Mohn-Monat, Herzblut am Feld
der schwankenden Ähren,
tanzen
wie von Sinnen,
bis aus den Kapseln
die Nacht steigt.
Der Mohn-Monat ist da,
wo die Monde böse
träumen
und sich fallen lassen
von Zweig zu Zweig
in die Angst.
Apfelsommer
Der Apfelsommer blüht
und reift sich aus,
gleich hinter dem ernsten Haus,
wo der Garten mit der schwarzen Erde
schon halb See ist.
Der Apfelsommer blüht,
reibt sich die Augen
vom Tau der Nacht.
Es ist vollbracht –
das grosse bunte Werden.
Es geht und steigt
und leuchtet in den Gärten.
Es duftet und es schwebt,
das Unfassbare lebt
und hält die Stadt so wie ein Ring.
Die Mauern, die noch müde sind,
blicken nach innen in die Zimmer,
wo sich die Betten so wie immer
nach jener süßen Fülle sehnen,
die vor den Fenstern sich verträumt.
Der Apfelsommer blüht
und reift sich aus,
gleich hinter dem ernsten Haus,
wo die Erde schwer und schwarz
und der See ganz nah ist.
Herbstliche Flüsse
Im Herbst
bleiben die Flüsse stehen,
so wie Uhren
und drehen
ihre Spiegel nach innen,
als gäbe es ein zweites Beginnen
in einer tiefen,
schon gelebten
Welt.
Ich hab’ die Stille in mir
Ich hab’ die Stille
in mir wie ein Stein.
Ich kann nicht klagen,
kann nicht singen.
Ich kann in allen Dingen
nur das Tiefverschlossene spüren.
In der Stille
bin ich wie ein Stein,
trage die uralte Schwere,
diese angefüllte Leere,
wie den Nachklang eines
niegesagten Worts.
Malmö
Meine blaue Stadt
zwischen Himmel und Meer.
Stadt der gelben Linien,
die vor mir fliehen,
wie windgepeitschter Sand.
Meine blaue Stadt,
kanalumrahmt,
still und freundlich
wie jemand, der
es gut mit mir meint.
Mein blauer Kanal
trägt die Schnipsel
eines Liebesbriefes
wie Flaggschiffe an
ihr unmögliches Ziel.