Von Elmar Woelm
Er saß in seinem Garten, in der ersten warmen Frühlingssonne. Die Natur entfaltete sich früh dieses Jahr. Die Schneeglöckchen waren bereits verblüht und auch die Winterlinge wurden welk und braun. Krokusse leuchteten in bunten Farben auf dem Rasen und die ersten Osterglocken enthüllten vorsichtig ihre gelben Blüten. Die Knospen der mächtigen Blutbuche, in deren schwankenden Ästen geschickt ein Eichhörnchen turnte, lagen dagegen noch in tiefem Schlaf, aus dem sie erst langsam mit der steigenden Sonne erwachen würden.
Er nahm einen Schluck von dem heißen Tee und ließ sich von seinen Erinnerungen fortführen. Ja, die Bäume, dachte er, sie hatten ihn schon sein Leben lang begleitet. Er war damit aufgewachsen. Schon als Kind hatte er den Wald geliebt. Er diente ihm als märchenhafter Spielplatz, der so voller Wunder steckte. - Im Herbst hatten sie oft kleine Laubbuden aus den frisch gefallenen Blättern gebaut, hatten sich vor Vergnügen kreischend in den raschelnden Blättern gewälzt. Während er daran dachte, kam ihm wieder der vertraute Duft des welken Laubes in die Nase. Später, als er etwas älter geworden war, begann er in den Bäumen zu klettern. War das ein Erlebnis gewesen, als er das erste Mal eine der großen Buchen bis in die obersten Kronenbereiche geschafft hatte! Die Luft war an diesem Tag klar gewesen und staunend sah er bis zur Stadt Münster hin, in der er die Lambertikirche erkennen konnte, den Dom und weiter vorn den Turm der Germania-Brauerei. Die Bäume wurden seine Freunde, ohne das er es zunächst merkte -. Mit ihnen zu sein, schien so selbstverständlich, daß er es nicht als etwas Besonderes empfand. Und noch viel weniger war es ihm möglich gewesen zu erkennen, auf welche Weise sein eigenes Wesen mit dem der Bäume verwoben war.
So ist es denn nicht verwunderlich, daß er schließlich die Laufbahn des Försters einschlug. Er war überwältigt, als er während seines Studiums mehr und mehr über den Wald und seine Lebensgemeinschaft erfuhr, über die vielen, oft nur kleinen Dinge, die das Wachstum des Waldes bedingten, förderten, oder auch hemmten. Allein unterhalb der Erdoberfläche tat sich eine faszinierende Welt auf, die ihm nach und nach zu einem immer umfangreicheren globalen Verständnis führte. Schon bald wurde er leidenschaftlicher Anhänger der naturgemäßen Waldwirtschaft, die, eigentlich über hundert Jahre alt, damals aber nur von wenigen Menschen gepflegt und befürwortet wurde. Doch ganz spontan kam sie seinem natürlichen Empfinden für die Natur des Waldes entgegen. Er fühlte sofort, daß das der Weg war. Schonend und einfühlsam wurden da die Wuchskräfte des Waldes gelenkt, entwickelten im Laufe der Jahre ein stabiles, vielfältiges Ökosystem, wunderbar anzusehen, und dabei noch Produkt und Produzent von unermesslicher Wertleistung an Holz.
Vollgestopft mit reichlichem Wissen, bekam er eine Stelle als Revierförster in einer öffentlichen Verwaltung. Sein Engagement brachte ihm schnell den Ruf eines Ökospinners ein, doch das störte ihn nicht. Er wollte einen gesunden ertragreichen Wald heranziehen und die gelernten Prinzipien umsetzen, etwas bewegen. So stürzte er sich mit jugendlichem Eifer in die Arbeit. Zeichnete Bestände aus, setzte Unternehmer ein, verkaufte Holz, plante und organisierte Pflanzungen und tat halt, was ein Förster so zu tun hat. Es wurden ihm reichlich Knüppel in den Weg gelegt, nicht nur im Wald. Er fand bald heraus, daß es gar nicht so sehr um den Wald ging, sondern um ganz andere Dinge. Da waren zum Beispiel unzählige Verwaltungsvorschriften einzuhalten. Er hatte nicht geahnt, in welchem Umfang die Arbeit mit der Natur von solchen Dingen eingenommen wurde. Die meisten waren wenig förderlich, eher behinderten sie, manchmal liefen sie den Gegebenheiten draußen sogar zuwider. Und da war die Verwaltung als solche - mit dem Abstand des Alters lächelte er nur noch über das, was ihn früher in Rage gebracht hatte.
Er erlebte die Zeit der großen Harvester-Einsätze, wie sie damals propagiert wurden, um möglichst rationell das Holz ernten zu können. Denn die Preise waren schlecht, und schließlich ging es in jedem Wirtschaftszweig, so auch hier, um Geld. - Ja, das war auch so ein Thema für sich und er schmunzelte. Es war nämlich damals so: die Industrie war übersättigt mit Holz aus Billig-Importen. Im eigenen Land wurde im Vergleich dazu viel zu wenig Holz gebraucht und auch der Export war mehr als bescheiden. Es galt also ein Produkt "an den Mann" zu bringen, das eigentlich niemand haben wollte. Dies wurde dadurch besonders verzwickt, daß in jener Verwaltung die meiste Arbeit aus Dienstleistung bestand - es galt, die vielen privaten Waldbesitzer zu beraten und ihnen zu helfen. Aber die Waldbesitzer, die von ihrer Landwirtschaft lebten und denen der wenige Wald eh nur ein Klotz am Bein war, waren an ihrem Wald kaum interessiert. Gerade die Verwaltung hätte damals klug reagieren können. Die bescheidenen Einnahmen waren gegenüber den Gesamtkosten der Verwaltung so gering, daß sie im Verhältnis nicht einmal das Taschengeld eines Sechsjährigen ausmachten. Aber die Verwaltungen waren damals genauso wenig klug, geschweige denn weise, wie sie es heute sind. Und so versuchten sie mit großem Aufwand, Holz von Menschen die nicht daran interessiert waren, an solche zu verkaufen, die es nicht haben wollten. - -
Ja, das waren Zeiten gewesen! Und über all´ dem, er wollte ja ein guter Förster sein, vergaß er seine alte Beziehung zu den Bäumen, dem Wald, der Natur. Wenn es ihm doch einmal aufstieß und sich tief in seinem Innern etwas an den Kontakt und seine eigentliche Bestimmung erinnerte, ging er meist schnell darüber hinweg. Es war wohl zu schmerzhaft, den Widerspruch seines wirklichen Erlebens mit dem Geschehen der Außenwelt zu betrachten und anzunehmen. Und leider gab es kaum jemanden, mit dem er sich auf einer solchen Ebene hätte unterhalten können. Seine Kollegen schienen die Art der Arbeit ganz o.k. zu finden. Sie hatten zwar auch an diesem oder jenem etwas auszusetzen, beschwerten sich auch ´mal lauthals, aber sie waren es zufrieden, den Wald zu bearbeiten, viel Holz zu ernten, möglichst gute Erlöse dafür zu erzielen und viel Zeit auf der Jagd zu verbringen. Es war offensichtlich gewesen, daß manche auch die Verbindung hatten, nur war sie anscheinend noch verschütteter, als bei ihm. Daher hatte er sich nach vorsichtigen Versuchen der Annäherung schnell wieder zurückgezogen - er spürte instinktiv, daß an diese Menschen nicht heranzukommen war - zu sehr waren sie verstrickt in ihre Welt der Vorstellungen, die für den Kontakt zum Herzen keinen Platz ließ - und für ihn war seine eigene Verstrickung schwierig genug.
So flossen die Jahre dahin, gute, wie auch schlechte. Er machte seine Arbeit, steckte manchen Rüffel ein, aber auch Lob. Eine kleine Stimme in ihm blieb, und so lästig sie auch war, er konnte sie nie ganz verdrängen. Aber er konnte sie auch nicht ertragen. Seine Kinder wurden groß und gründeten ihre eigenen Familien. Nun war er pensioniert. Es hatte ein großes Abschiedsfest gegeben und der neue junge Amtsleiter hatte in einer ausführlichen Rede seine vielen Verdienste hervorgehoben. Er hatte auch sehr liebevoll die ein oder andere seiner Eigentümlichkeiten auf die Schippe genommen und ihm dann in aller Form viel Glück für seine weitere Zukunft gewünscht ...
Langsam stand er von seinem Gartenstuhl auf und ging in sein ehemaliges Büro, in dem sich die Kisten für seinen Nachfolger stapelten. Stumm sah er sich seinen Arbeitsplatz an, an dem er die letzten 40 Jahre seine Büroarbeit erledigt hatte. Sein Blick fiel auf den Waffenschrank, in dem er die wenigen Gewehre aufbewahrte, die er nur selten zu Jagd benutzt hatte. In Erinnerungen versunken, öffnete er ihn, nahm eine Waffe nach der anderen heraus nahm sie auseinander und putzte sie. Schließlich griff er nach dem Revolver, den er sich zu seinem dreißigsten Geburtstag geschenkt hatte, und aus dem er noch nie einen Schuss abgegeben hatte. Er war noch wie neu. Auch die Patronen von vor 35 Jahren lagen noch dort. Er lächelte, lud die Waffe und hielt sie sich an die Schläfe. Ein donnernder Knall erschütterte das Haus und er sackte zusammen. - Erstaunt schaute er auf seinen Körper hinab, der reglos unter ihm auf dem Boden lag.
„Was hast du gesagt, Liebling?“ Seine Frau kam eben in den Garten. Sie trug einen Teller mit Gebäck und setzte ihn auf den Tisch. Da erst merkte sie, dass ihr Mann eingeschlafen war.
„Oh...“, sagte er. Irgendwas hatte ihn geweckt.
„Ach, du bist es“, meinte er dann.
„Ich muss wohl kurz eingenickt sein.“ Belustigt schüttelte er den Kopf.
„Verrückte Sache! Ich weiß nicht mehr, was ich geträumt habe, aber eines ist mir plötzlich klar geworden, es wird Zeit, dass ich endlich mein eigenes Leben lebe!“
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