Der Falke vom Schachsel

Ein Märchen für Kinder

Von Elmar Woelm

Diese Geschichte gibt es auch als Mini-Taschenbuch mit Bildern.

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Wie Falk zu seinem Namen kam

Einst lebte am Schachsel bei Westerkappln ein Förster, der dem Fürsten seines Landes diente und für die ausgedehnten Waldungen um Westerkappeln verantwortlich war. Er wohnte in einem großen Forstgehöft mit seiner Frau und den drei Kindern Henrike, Moritz und Vinzent. Vinzent war der Jüngste von allen. Er war ein rechter Draufgänger, der kaum zu bändigen war. Er strotzte vor Energie und Kraft und war mit einem solchen Dickkopf ausgestattet, daß seine Mutter oft ihre liebe Mühe mit ihm hatte. Eigentlich wurde er immer nur "der Falke" genannt oder kurz Falk. Und das kam so:

Vinzent lag noch in der Wiege, als sich eines Tages eine verwilderte Katze näherte. Keiner weiß so genau warum, aber die Katze hatte nichts Besseres zu tun, als sich zu dem Kind in die Wiege zu legen, mitten auf das Gesicht des kleinen Jungen. Niemand war zu der Zeit in der Nähe und Vinzent drohte zu ersticken. Wüst schlug er mit seinen kleinen Händchen um sich, aber es half nichts. Die Katze blieb stur liegen, schien den Kleinen gar nicht zu bemerken.

Der Förster hielt immer eine Reihe von Jagdfalken, die er für den Fürsten ausbildete. Erst vor kurzem hatte er einen neuen Wildfang1) bekommen, der erst noch gezähmt werden mußte. Das scheue Tier hatte die Katze bemerkt und zerrte verzweifelt an seinen Fesseln. Er flog auf, wurde aber sofort von den Lederriemchen an seinen Füßen zurückgeworfen. Sein scharfer Blick war nach der Katze gerichtet, die den jungen Vinzent zu ersticken drohte. Immer und immer wieder versuchte er mit lautem Geschrei freizukommen. Schließlich gab das Geschüh2) wie durch ein Wunder nach und zerriß. Pfeilschnell zog der Falke in die Höhe und stürzte sich wie ein Blitz auf die Katze in der Wiege, griff mit seinen Klauen in ihren Hals und senkte seinen scharfen Schnabel kraftvoll in ihren Schädel. Von dem Geschrei des Greifvogels kam die Frau des Försters vor die Tür. Sie konnte gerade noch sehen, wie der Greif die schwere Katze mühsam aus der Wiege zog und sie achtlos auf den Boden fallen ließ. Schnell eilte die Försterin herbei um ihr schreiendes Kind tröstend auf den Arm zu nehmen. Sie war vor Schreck fast gelähmt.

Scheu zog der Falke sich zurück, ohne sich allerdings allzuweit von dem Kind zu entfernen. Der wilde Falke hatte dem kleinen Vinzent das Leben gerettet und wich von nun an nicht mehr von seiner Seite. Niemand hatte eine Erklärung für das sonderbare Verhalten des Vogels, niemand konnte das verstehen. Am allerwenigsten der Förster, der schon so manchen Greif gezähmt hatte und genau wußte, wie scheu diese Tiere sind. Von diesem Tag an nannten alle Vinzent nur noch Falk.

Falk wurde größer und er und der Jagdfalke blieben unzertrennliche Freunde.

Wie Falk einen alten Freund wiederfindet

Falk war inzwischen ein kräftiger Junge geworden. Er liebte es mit seinem Vater und dem Falken zu Jagd zu gehen. Der Falke hatte sich zu einem hervorragenden und zuverlässigen Jäger entwickelt, schnell wie der Wind und es kam selten vor, daß ihm eine Beute entkam. Falk hatte ihm den Namen Blitz gegeben. Oft begab er sich allein mit Blitz auf Streifzüge in die einsamen Wälder. So geschah es eines Tages, daß sie wieder einmal unterwegs waren. Aber sie hatten heute kein Glück. Kein Wild war ihnen begegnet, das sie hätten jagen können. So waren sie immer weiter geritten, viel weiter als sonst und kamen in eine Gegend, die Falk bisher völlig unbekannt war. Sie wollten schon heimkehren, als plötzlich ein großer Rotfuchs vor ihnen erschien. Als dieser sie sah, floh er erschrocken, noch ehe Falk einen Pfeil auf ihn abgeben konnte. Für den Jagdfalken war das Tier viel zu groß, war keine Beute, die er hätte bewältigen können. Sofort gab der Junge dem Pferd die Sporen und preschte schnell wie der Wind hinter dem Fuchs her. Mitten durch dichten Wald ging es, über Stock und Stein. Die Äste peitschten Falk ins Gesicht, zerschnitten ihm Nase und Ohren. Aber er merkte das alles nicht, so sehr hatte ihn die Jagdleidenschaft gepackt. Aber dennoch war der Fuchs bald nicht mehr zu sehen. Er hatte sich geschickt versteckt und sah zu, wie der Reiter an ihm vorüberflog. Falk wollte nicht aufgeben und sauste weiter, bis ihn plötzlich eine warnende Stimme zurief: "Halt --! Falk, halt! Reit nicht weiter, vor dir lauert große Gefahr! Ich bitte dich, halt an." Gleichzeitig sah er, wie Blitz direkt auf ihn zusauste. Er versuchte dem Vogel auszuweichen, verfing sich dabei aber in einem Ast und wurde vom Pferd gerissen. Benommen rieb er sich seinen schmerzenden Rücken und wollte gerade wütend über seinen Falken schimpfen, als dieser sich vor ihm niedersetzte und sagte: "Verzeih mir Falk. Ich hoffe, du hast dir nicht zu sehr wehgetan. Aber wenn du weiter geritten wärst, wärst du direkt in das große Moor geraten, aus dem nur selten jemand lebend zurückgekehrt ist." Falk war ganz verwirrt: "Du kannst sprechen --? Wie kommt denn das?", fragte er. Er konnte kaum glauben, was er soeben erlebte. "Ja, ich kann sprechen", antwortete Blitz, "und nun, da du alt genug bist, kann ich mich dir zu erkennen geben. In unserem letzten Leben waren wir Brüder. Wir waren die besten Freunde und teilten Freud und Leid miteinander. Eines Tages, als ich einmal allein beim Angeln war, traf ich einen bösen Kobold, der mich in einen Falken verzauberte. Du und unsere Eltern, ihr glaubtet damals ich sei in dem großen See ertrunken. Es war der große See nördlich vom Schachsel. Mein Zauber konnte nur gelöst werden, wenn ich dir einmal das Leben rettete und wir es schafften, miteinander zu sprechen - ich als Falke und du als Mensch. Unsere tiefe Freundschaft und die drohende Gefahr soeben haben es jetzt möglich gemacht, daß wir uns verstehen."
"Ja --, aber--", stotterte Falk völlig verstört, "du bist aber doch immer noch ein Falke ...!"
"Das stimmt", antwortete Blitz. "Bevor ich endgültig aus meiner jetzigen Gestalt befreit werden kann, ist noch ein gefährliches Abenteuer zu bestehen! Wir müssen zur Höhle des Kobolds. In ihr bewahrt er einen magischen Stein auf, der ihm all seine boshafte Macht verleiht. Er hat ihn vor langer Zeit der Göttin der Meere und Seen geraubt, die in dem großen See nördlich vom Schachsel lebt. Wenn es uns gelingt, diesen Stein an uns zu nehmen und ihn in dem See zu versenken, dann werde ich befreit sein und der Kobold hat seine Zauberkraft verloren. Sag, willst du mir helfen?"
"Aber natürlich", stimmte Falk zu, denn er liebte Abenteuer und wollte sich schon auf sein Pferd schwingen. "Langsam, nicht so eilig", hielt ihn Blitz zurück. "Weist du denn, wo sich die Höhle des Kobolds befindet?" Falk verzog das Gesicht. Daran hatte er gar nicht gedacht. Der Vogel fuhr fort: "Ich habe lange Jahre Zeit gehabt die Höhle ausfindig zu machen. Sie liegt jenseits des Moores und es führt nur ein schmaler Pfad dort hindurch. Es wird bereits dunkel und wir würden sofort vom Wege abkommen und du mit deinem Pferd versinken. Laß uns hier ein Lager aufschlagen und morgen, sobald es hell wird, weiterreiten." Und so machten sie es dann auch.

Die Höhle des Kobolds

Am anderen Morgen machten sie sich zeitig auf, denn es lag ein langer Tag vor ihnen. Das Moor war tückisch und sie mußten gut aufpassen um keinen Fehltritt zu tun. Nur mühsam kamen sie weiter. Der Greif flog immer ein Stück voraus um den Weg zu erkunden und Falk vor gefährlichen Stellen zu warnen. Gegen Mittag hatten sie endlich das Moor hinter sich. Falk zitterten mächtig die Knie von der Anstrengung, so daß sie erst einmal eine kleine Rast einlegten. "Schau!", sagte der Jagdfalke. "Dort in den fernen Hügeln liegt die Höhle die wir suchen. Sie ist tief im dichten Walde versteckt und wird von einem alten bösartigen Bären bewacht. Der Kobold schläft fast nie. Nur einmal im Monat bei Neumond zieht er sich für einen Tag in seine Höhle zurück und hält dort einen tiefen, festen Schlaf, aus dem ihn nichts aufwecken kann. Heute haben wir Neumond. Das ist unsere Chance und wir müssen uns beeilen, daß wir rechtzeitig bei der Höhle ankommen. Denn diese Nacht, genau um zwölf Uhr erwacht der Kobold wieder aus seinem Schlaf!"

Also machten sie sich wieder auf den Weg, der geheimnisvollen Höhle entgegen. Frisch ausgeruht trabte Falk auf seinem Pferd dahin, immer hinter dem Falken her. Es war schon später Abend, als sie an den Hügeln ankamen. "Von hier aus mußt du zu Fuß gehen", sagte Blitz. "Der Wald ist zu dicht, als daß man reiten könnte und außerdem würden die Hufe des Pferdes viel zu viel Krach machen." Falk band sein Pferd an einen Baum und folgte weiter seinem Freund durch den dichten dunklen Wald. Es dauerte gar nicht lange, daß sie in die Nähe der Höhle kamen. Diese lag auf einer kleinen Lichtung. Leise schlichen sie sich voran, bis sie auf die Lichtung spähen konnten. Der alte Bär lag vor der Höhle auf dem Rücken. In seinen großen Vordertatzen hielt er ein Stück Bienenwabe, deren Honig er sich genüßlich in den Rachen laufen ließ und schmatzte dabei ganz fürchterlich. Er hatte die Eindringlinge noch nicht bemerkt. Doch plötzlich mußte Falk niesen. Weiß der Himmel was ihn auf einmal dazu trieb, ihn, der die frische Waldluft gewohnt war und der schon so viele wilde Tiere erfolgreich auf der Jagd angeschlichen hatte, ohne auch nur den geringsten Laut von sich zu geben. Aber da gab es kein Halten mehr. Es kribbelte so gewaltig in seiner Nase, daß es schließlich mit einem lauten "Ha-a-tschi" aus ihm hervorbrach. Der Bär war sofort auf den Beinen. Was war das? Sollte sich da etwa jemand verbotener Weise der Höhle nähern? Da war doch ganz deutlich ein Niesen zu hören gewesen. Mißtrauisch äugte er um sich, konnte aber nichts entdecken. Tief sog er die Luft ein um zu prüfen, ob er irgendetwas Verdächtiges riechen könnte. Und da hatte er es. Es roch doch dort drüben ganz deutlich nach Menschen! Grimmig trottete er auf seinen Hinterläufen dem Waldrand zu, in dem Falk versteckt saß. Der griff schnell nach seinem Bogen und sandte dem Petz einen wohlgezielten Pfeil entgegen. Aber genau in diesem Augenblick ließ sich der Bär auf alle Viere nieder und der Pfeil flog zischend über ihn hinweg. Brummig trabte der Bär unseren Freunden entgegen. Nur noch wenige Schritte und er hätte Falk zwischen seinen gefährlichen Tatzen zerrissen. Da stürzte auf einmal der Jagdfalke schneller als man schauen konnte aus dem Gebüsch hervor, stieß einen hellen Jagdschrei aus, fuhr mit seinen scharfen Krallen dem Bären über die empfindliche Nase und war sofort wieder hoch in den Lüften verschwunden. Der Bär grunzte vor Schmerz und Zorn, aber bevor er sich recht besinnen konnte, was eigentlich geschehen war, stürzte Blitz erneut vom Himmel herunter auf ihn zu. Blitzschnell nutzte Falk die Gelegenheit, flitzte an dem Bären vorbei über die Lichtung und war schon in der Höhle verschwunden. Der Bär, so schnell er konnte hinterher, weiter attackiert von dem lästigen Falken. Wutentbrannt kam er vor der Höhle an und steckte seinen Kopf hinein, seinen Rachen zu einem markerschütternden Brüllen aufgerissen. Die Erde zitterte nur so! Aber er war zu dick; er paßte nicht in die Höhle des kleinen Kobolds hinein. - Der schlief unterdessen seinen seligen Monatsschlaf, ohne auch nur das Geringste von der drohenden Gefahr mitzubekommen. - Der Eingang zur Höhle war eng. Falk folgte auf allen Vieren kriechend dem Gang, bis er in die eigentliche Kammer kam. Hier konnte er soeben stehen. Er zündete ein Streichholz an und sah den Kobold sich unruhig auf seinem Bett wälzen. Wenn der jetzt nur nicht aufwachte! Wie spät war es eigentlich? Er wußte es nicht. Aber lange konnte ihm bis Mitternacht wohl nicht mehr bleiben. Er sah sich weiter um und entdeckte auf einem kunstvoll geschnitzten Tischchen einen funkelnden Edelstein. Das mußte er sein! Schnell steckte er ihn in die Tasche und eilte dem Ausgang der Höhle zu.

Der Drache vom heiligen Vulkan

Falk wußte noch nicht, wie er an dem Bären vorbeikommen sollte, der sicher immer noch vor der Höhle lauerte. Aber er mußte hier raus, koste es was es wolle; der Kobold konnte jeden Augenblick aufwachen. Als er zum Ausgang der Höhle gelangte, erblickte er dort einen alten Mann, der ihm heraushalf und ihm glücklich in die Arme fiel. "Mein lieber, tapferer Junge", sagte er schluchzend, "du hast mich gerettet! Einst war ich ein weiser Einsiedler in diesem Wald. Ich wußte von der Bosheit des Kobolds, der schon so vielen Menschen ein schlimmes Schicksal beschert hatte. So entschied ich mich, auf ihn acht zugeben und wenn möglich das Geheimnis seines Zaubers zu brechen. Leider war ich unvorsichtig. Der Kobold durchschaute meine Pläne und verwandelte mich in einen bösartigen Bären, der ihm dienen mußte. Dadurch, daß du mich überlisten konntest - noch niemand ist bisher meinen fürchterlichen Klauen entkommen - und dem Kobold den Edelstein entrissen hast, bin ich befreit. Bitte laßt mich mit euch kommen." Falk wußte nicht so recht, was er sagen sollte. Einerseits wollte er dem alten Mann natürlich gern weiterhelfen, aber er hatte Angst, daß sie mit diesem gebrechlichen Alten nicht schnell genug fliehen könnten. Der erlöste Bär erriet seine Gedanken und beruhigte ihn: "Hab keine Sorge, du hast doch den Stein! Weist du denn nicht, daß das ein Stein der Macht ist? Zwar kannst du ihn nicht uneingeschränkt nutzen, weil dir das Wissen dazu fehlt, aber du kannst mit ihm den Drachen vom heiligen Vulkan rufen; der wird uns sicher helfen. Ich habe einmal den Kobold heimlich beobachten können und habe mir gemerkt, wie man das macht ..."
"Ja, und was ist zu tun?", unterbrach ihn Falk ganz aufgeregt. "Das ist ganz einfach," fuhr der Alte fort, "du nimmst den Stein in deine Hände und hältst ihn auf dein Herz. Dann sprichst du die Worte:

 

Drache aus dem heiligen Vulkan

hör daß ich dich rufe.

komm zu mir, schnell wie der Wind,

eil auf fliegendem Hufe.

 

Falk tat wie der Einsiedler beschrieben hatte und es dauerte nicht lange, bis sie ein fernes Rauschen vernahmen. Das Rauschen wurde lauter und lauter, bis der Drache schließlich über den Baumwipfeln auftauchte und zu ihnen auf die Lichtung herunterkam. "Du hast mich gerufen", dröhnte er mit rauher aber freundlicher Stimme, "was kann ich für dich tun?" Falk erzählte ihm von ihrer Not. Er konnte kaum glauben, daß da ein leibhaftiger riesiger Drache vor ihm stand. Er erzählte, daß der böse Kobold jeden Moment erwachen könnte und dann wäre alles umsonst gewesen. Er schilderte weiter: "Wir müssen so schnell wie möglich den großen See erreichen, um den Stein der Macht dort zu versenken und ihn dadurch der Göttin der Meere und Seen wieder zurück zu geben. Nur so kann die Macht des Kobolds gebrochen und mein Freund der Falke, der im letzten Leben mein Bruder war, befreit werden." Der Drache wiegte seinen großen Kopf und spie eine riesige Feuerfontaine zum Himmel. "Nun gut", sagte er nach einer Weile, "eure Not ist wirklich groß und es ist an der Zeit, daß dem bösen Treiben des Kobolds endlich ein Ende gemacht wird. Setzt euch auf meinen Rücken, ich fliege euch zum See."
"Aber mein Pferd?", fragte der Junge, "was wird mit meinem Pferd?"
"Kein Problem, auch das wird auf meinem Rücken Platz finden," beruhigte ihn der Drache und stieß erneut einem Vulkan gleich sein Feuer in die Luft. Schnell stiegen sie auf den Rücken des Drachen, der sich flach auf den Boden legte, damit auch der alte Einsiedler leichter hinaufgelangen konnte. Der Drache hob ab, schwebte über den Wald dahin, zu dem Platz, wo das Pferd angebunden war. Nachdem auch das Pferd nach einigem furchtsamen Wiehern und Schnauben oben war, schwangen sie sich erneut in einem eleganten Schwung in die Lüfte. Der Falke begleitete sie mit flinkem Flug.

Die Rettung

Unterdessen war der Kobold in seiner Höhle erwacht. Verschlafen rieb er sich die Augen. Dann schnupperte er mißtrauisch in die Luft. Wonach roch es denn hier? Das war doch ..., das war doch Menschengeruch! Er sah sich um und entdeckte sofort, daß sein kostbarer Edelstein verschwunden war. Mit einem lauten Schrei, so schrecklich, wie ihn nur Kobolde ausstoßen können, fuhr er hoch. Er zitterte vor Wut und seine eh schon struppigen Haare standen ihm noch mehr zu Berge. Brüllend rannte er aus der Höhle. Hoch am Himmel sah er in der Ferne den Drachen fliegen. Noch war sein Stein nicht verloren! Er setzte sich hin und holte eine kleine Figur aus seiner Jackentasche. Dann kramte er ein paar geheimnisvolle Kräuter aus einem Beutel, den er um den Hals trug und streute sie über die Figur. Nachdem er eine Zauberformel gemurmelt hatte, die nur er kannte, stieg dicker, übelriechender Qualm von der Figur auf. Es brodelte und grummelte ringsum und die Figur wuchs zu einem häßlichen warzigen Drachen an. Sofort schwang sich der Kobold auf seinen Rücken und stieg unter wildem Geschrei ebenfalls in die Luft, um seine Feinde zu verfolgen.

Die erfreuten sich derweil an dem herrlichen Flug. Tief unter ihnen pfiff die Landschaft dahin. Alles schien überstanden zu sein. Falk fühlte sich sicher und freute sich schon auf zu Hause und das Wiedersehen mit seinem früheren Bruder. Als er so neugierig in die Runde schaute, entdeckte er plötzlich hinter ihnen einen dunklen Punkt am Horizont, der sich rasch näherte und immer größer wurde. "Der Kobold!", schoß es ihm durch den Kopf. "Wir werden verfolgt.", schrie er "Flieg schneller, mein Drache. Nimm dich in acht, Blitz!" Der Drache ließ ein übermütiges Grunzen hören um dann noch schneller als vorher dahinzusausen. Dennoch kam der Kobold immer näher - der Teufel mußte mit ihm im Bunde stecken -. In der Ferne konnte man nun schon den großen See hell schimmern sehen - nur noch ein kurzes Stück -! Aber der Kobold trieb seinen Drachen unbarmherzig an und war nun schon ganz nahe hinter ihnen. Falk nahm seinen Bogen, legte einen Pfeil auf die Sehne, spannte und ließ fliegen. Aber der Kobold wich flink aus. Pfeil auf Pfeil sandte der geschickte Junge dem Kobold entgegen, daß ihm die Pfeile nur so um die Ohren sausten. Er mußte all sein Können aufwenden, um nicht getroffen zu werden. Dadurch war er aber beim Fliegen derart behindert, daß er seinen Drachen nicht mehr in der Gewalt hatte. Da dieser nur ein künstliches Zaubergebilde war, konnte er sich nicht ohne die ganze Aufmerksamkeit seines Herren fortbewegen. Er begann zunächst Schlangenlinien zu fliegen und trudelte schließlich hilflos auf die Erde zu. Im letzten Augenblick gelang es dem Kobold den Drachen wieder zu fangen und sich vor dem Absturz zu retten. Durch dieses ganze Manöver war er wieder weit zurückgeblieben, als Falk den See erreichte. Blitz hatte sich inzwischen zu seinem Freund auf den Rücken des Drachen gesetzt. Mit einem kräftigen Wurf schleuderte Falk den kostbaren Edelstein dem See entgegen. Dabei murmelte er leise vor sich hin: "Möge der Stein der Macht wieder sicher bei seiner Besitzerin, der Göttin der Meere und Seen landen." Gebannt schaute er dem Stein nach, wie er in der aufgehenden Sonne glitzernd tiefer und tiefer fiel und schließlich mit einem lauten Platschen in das Wasser eintauchte. Eine riesige Wasserfontaine spritzte aus dem See nach oben. In diesem Augenblick gab es hinter ihnen einen unglaublichen Knall und Falk sah sich erschrocken um. Eine gewaltige Staubwolke rieselte vom Himmel herab, wo sie soeben noch der Kobold verfolgt hatte. Von dem war nichts mehr zu sehen. Der Zauber war gebrochen, der böse Kobold vernichtet. Erleichtert atmete Falk auf und fiel seinem früheren Bruder glücklich in die Arme, der nun auch von seinem Fluch erlöst war.

– Ende –

 

Fußnoten

1) Wildfang = Ein Greifvogel, der wild gefangen wurde und erst noch gezähmt werden muß

2) Geschüh = Lederriemchen mit denen die Jagdfalken angebunden werden

 

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