Gedichte aus der Creuse, Mittelfrankreich

Zwei Gedichte aus der Creuse, einem einsamen Landstrich im Limosin, Mittelfrankreich, der durch eine ausgeprägte Landflucht gekennzeichnet ist.

Elmar Woelm

 

Les Gorces

Alte Mauern, schwerer Stein
Stille in der Einsamkeit,
liegen da in sanfter Ruhe,
verloren jenseits aller Zeit

Kleines Dorf, du hast so viele
Jahre schon gesehn, gelebt,
wie die ganze Creuse blühte ­
Menschen mit dem Land verwebt.

Deine Häuser sind verlassen,
Brombeerranken hier und dort.
Und in deinem weiten Schatten
fliehen selbst die Geister fort.

Ort der Kraft, den Odin weihte ­
Opferstein in Fels gehaun.
Brunnen an verwunschnem Winkel
dürsten heute Gnom und Faun.

Deine Jahre sind gewesen,
stumm bleibt Menschen Fröhlichkeit.
Nur die Stimmen unsrer Kinder
klingen jenseits aller Zeit.

 

L’arbre en Creuse

Ach, du stehst so viele Jahre,
gabst den Seelen dein Geleit,
die in jedem Stein sich spiegeln,
deren Einsamkeit heut schreit.

Wie viel Kinder sahst du spielen,
klettern in dem Kronenraum.
Fülltest sie mit deinem Äther,
leitest sie in ihren Traum.

In dem knorrigen Geäste
hocken Geister, flüstern, wispern
von dem Sehnen der Verwirrten
mit den farblosen Gesichtern.

Zweig bedeckt mit Moosen, Flechten,
Blätter sind vom Tau ergraut ­
nimmst du aller Zeiten Lasten,
dem, der lebensfroh vertraut.

Alte Eiche, deine Schatten
neigen sich dem Abendrot.
Zauberspiel am Himmel künden
von des Ewigen Gebot.

Ein Gesicht mit rauhen Falten
öffnet seinen stummen Mund.
Und das Wissen von dem Alten
tut sich meinem Herzen kund.


 
 
 
 
 

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